"Ein Roman ist wie der Bogen einer Geige und ihr Resonanzkörper wie die Seele des Lesers“  – Stendhal

Leseprobe "Mit bloßen Händen"

Mit bloßen Händen - Roman von Wolf R. Seemann

Ein Ort in Süddeutschland, 6. Juni 1979

Vorsichtig löste Colonel Zach die letzte der vier Sicherungsschrauben der gewaltigen Atombombe. Da! Die Bombe war frei und konnte jederzeit abgeworfen werden.

„Passen Sie auf, um Gottes Willen, passen Sie auf! Abwurfschacht öffnen, Private Feldkamp!“, rief Zach.

Behutsam umfassten die beiden sechzehnjährigen Jungs die schwere Maschine und zogen ächzend den kaputten VW-Motor aus seiner Halterung. Dann setzten sie ihn auf einen Holzbock und lehnten sich keuchend gegen das Fahrzeug.

„Schau, kommt da nicht deine Wichsvorlage?“, grinste Wolfgang Zach.

Wolfgang Zach und Harry Feldkamp starrten auf ein gleichaltriges Mädchen, das im kürzesten Minirock, den sie je gesehen hatten, in einiger Entfernung von ihnen stehen blieb.

„Was du da sagst!“, schnaubte Harry.

„Hey Pergola, komm mal her!“, rief Wolfgang und winkte ihr zu.

„Bist du verrückt? Die kommt wirklich!“, flüsterte Harry mit knallrotem Kopf.

Pergola näherte sich ihnen, als schwebe sie auf einer Haschischwolke. Sie sah so anders aus als die Mädchen hier. Im Süden Badens gab es so gut wie keine weißblonden Mädchen. Pergolas Eltern stammten aus Ostpreußen, vielleicht kam das Blond ja von dort.

Pergola hielt eine geöffnete Cola-Flasche in der linken Hand. Zum Trinken hob sie diese langsam hoch, bis sie in ihrem Gesichtsfeld auftauchte. Dann nahm sie ihre rechte Hand zu Hilfe und maß mit Daumen und Zeigefinger den Abstand zwischen Flaschenöffnung und ihrem sagenhaften Schmollmund. Dieser Abstandshalter verschmälerte sich scherenartig, bis die Flaschenöffnung an ihren Lippen andockte. Ohne jenen Abstandshalter wäre die Flaschenöffnung überall, nur nicht auf ihren Lippen gelandet. Als sie die Flasche abgesetzt hatte, konnte man im Gegenlicht der Sonne einen zarten, feuchten Flaum um ihren Mund herum erkennen.

„Großes Kino!“, flüsterte Harry.

„Sag mal, ist Pergola nicht so was wie Trevira, was zum Anziehen?“, fragte Wolfgang das Mädchen.

„Bist du blöd? Pergola ist ein Dach über der Terrasse, das man rüberkurbeln tut. Was Vornehmes, so.“

„Passt zu dir, der Name.“

„Wieso?“

„Neben dir steht jede im Schatten.“

„Ach?“

„Pass auf, er fällt!“, schrie Harry und versuchte erfolglos, den aufgebockten Motor festzuhalten, der soeben zur Seite kippte und krachend zu Boden stürzte.

Der Eisenblock riss Wolfgang zu Boden. Fassungslos starrte er auf den blutigen Matsch dort, wo vormals seine linke kleine Zehe war. Er umfasste mit beiden Händen seinen Unterschenkel und stierte atemlos auf seinen Fuß. Harry tropfte der Speichel aus dem Mund und Pergola hatte beide Hände vor den Mund geschlagen.

„Mein Gott, Wolfgang!“, ächzte Harry.

„Los, hol jemanden!“, schrie Wolfgang.

„Wen?“

Harry schossen die Tränen in die Augen, als er seinen Freund so vor sich liegen sah.

„Hey, ich bin der Verletze, nicht du!“, blaffte Wolfgang. „Hör auf zu flennen und hol einfach irgendjemanden!“, schrie er dann panisch.

Harry winkte Pergola herbei. Seine Lippen bebten. „Setz dich zu ihm, bitte!“ Dies waren die ersten Worte, die Harry je an Pergola gerichtet hatte. Dann rannte er davon.

Wolfgang legte seinen Kopf auf Pergolas Schoß, der das unendlich peinlich war. Wie verhält man sich mit so was Fremden im Schoß?

„Ah! Das tut gut …“, seufzte Wolfgang, der mit den Tränen kämpfen musste. Noch überlagerte der Stress den Schmerz. Aber am liebsten hätte er einfach losgeheult. Nicht wegen des Schmerzes, sondern wegen des Verlusts eines guten Kumpels am Fuß. Doch vor einem Mädchen weinen, das ging ja gar nicht …

Fordo, dreißig Jahre später

Im Juni 2010 beschließt der Weltsicherheitsrat eine weitere Verschärfung der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran. Unmittelbar nach diesem Beschluss stellt der israelische Ministerpräsident Netanjahu eine akute nukleare Bedrohung Israels durch den Iran fest. Er weist den israelischen Militärapparat an, Pläne für einen vernichtenden Militärschlag gegen das iranische Atompotenzial zu erstellen.

Es ist der 18. Januar 2012 kurz vor acht Uhr. Es dürfte ein geruhsamer Tag in der Abteilung für Proliferation und Waffenhandel des BND werden. Die Abteilungsleiterin Nelly van Eid läuft auf roten High Heels durch den unterirdischen Gang zum Aufzug. Die Wände werfen das energische Klack Klack ihrer Abätze zurück und bestärken sie in der Gewissheit, dass sie den Tag in den Griff bekommen wird.

Als sie ihre Abteilung betritt, winkt Nikodem ihr aufgeregt zu. Nikodem ist ihr Stellvertreter, die beiden mögen sich nicht. Sie sitzt auf seinem Stuhl und er gilt als Kollateralschaden der Frauenquote.

„Die Amerikaner, Frau van Eid!“ Er verweigert ihr beharrlich den Titel Chefin.

Die Amerikaner! Jetzt wird es doch ein Scheißtag, denkt sie und legt ihre Stirn in fragende Falten. Sie weiß, sie sollte das unterlassen. Wenn man 36 Jahre alt ist, bügelt die Tagescreme Gesichtsfalten nicht mehr so einfach weg.

„Larry Newman, NSA Baltimore“, beantwortet Nikodem ihr Mienenspiel.

Um acht Uhr morgens auf Englisch zu schalten, fällt den meisten Deutschen schwer. Nelly van Eid stürmt in ihr Büro und hebt den roten Hörer ab. Ausgerechnet die NSA! Die hören einen ab, wenn man nur an sie denkt.

„Nelly?“, fragt Newman. „Listen, wir haben bei euch was gutzumachen. Unsere Freunde vom Sinai werden in wenigen Minuten die unterirdischen Atomanlagen bei Fordo sprengen. Interessiert?“

Sprengen? Atomanlagen? Fordo? Nelly van Eid muss sich sammeln.

Niemand im BND ist so dreist, ein amerikanisches Angebot abzulehnen. Nikodem hat bereits sämtliche Monitore angeschaltet. Auf den beiden mittleren werden Wolken übertragen. In der Mitte senkt sich langsam die Spitze eines Flugkörpers ins Bild. Eine andere Kameraeinstellung zeigt die Region der Übertragung: die östlichen Ausläufer des Zagrosgebirges, südlich der heiligen Stadt Ghom, und immer größer werdend das Wüstennest Fordo.

***

Am frühen Morgen desselben 18. Januar fährt der Chef des Isfahan Forschungs- und Produktionszentrums für Kernbrennstoff (NFRPC) General Hassan Mokaddam die gut ausgebaute Autostraße von Isfahan in Richtung Süden. Er biegt etwa 20 Kilometer südlich der heiligen Stadt Ghom in eine nicht ausgeschilderte Straße ab. Diese endet in einer herzförmigen Schleife, die zwei Tunneleingänge miteinander verbindet und in einem Bogen wieder zum Zubringer zurückführt. Neben ihm sitzt ein etwa zwei Meter großer Mann Ende vierzig, er trägt einen Kaftan. Trotz seiner Kleidung ist er unschwer als Mitteleuropäer zu erkennen. Selbst der General auf dem Fahrersitz rückt ein wenig von ihm ab. Der Mann mit den eng aneinanderliegenden Raubtieraugen ist ihm unheimlich. Wolfgang Zach ist Waffenhändler und der einzige, der mit der großen Kugel umgehen kann. Anders als sein Name sagt, ist Zach Schiit – als Katholik wäre ihm niemals das Vertrauen entgegengebracht worden, das ein Mann mit seinen Ambitionen benötigt. Und Religion spielt für Gott ohnehin keine Rolle. Das war schon immer Zachs Meinung. Anders als sein Berufsbild erwarten lässt, ist er hochangesehen: Er hat als zwanzigjähriger Spion den Iran vor Saddam Hussein gerettet.

Trotz Rang und Ansehen der beiden Männer wird der Wagen vom Sicherheitsdienst der Anlage eingehend überprüft. Schon von Weitem sieht der General, wie Babak Mohammadi mit einem Papier winkt. Mohammadi ist für die fünfzehntausend Zentrifugen zuständig, die das gasförmige Uran 235 von seinen übrigen Bestandteilen lösen sollen. Eine Herkulesarbeit! Die meisten Zentrifugen sind veraltet, weil die deutsche Firma Siemens Geschäfte mit dem Iran fürchtet. Barak Obama hat mit dem Rauswurf jener ausländischen Firmen aus den USA gedroht, die das Embargo umgehen.

„Was ist?“, fragt der General mürrisch.

„Mit den Umdrehungsgeschwindigkeiten der Zentrifugen stimmt etwas nicht“, antwortet Mohammadi.

Der General reißt dem Wissenschaftler die Unterlagen aus der Hand. Er kann keine Ungereimtheiten finden.

„Das ist es ja gerade“, jammert Mohammadi. „Die Computer liefern uns normale Umdrehungsgeschwindigkeiten von 1064 Umdrehungen pro Sekunde. Das kann aber nicht stimmen, weil kaum angereichertes Uran anfällt.“

„Schauen wir uns die Sache persönlich an“, sagt General Mokaddam gewichtig.

Als die drei Männer die Zentrifugenplantage tief im Inneren des Berges betreten, hören sie bereits die ausgeleierten Maschinen an ihren Wandungen schaben. Einzelne beginnen, sich aus ihren Halterungen zu lösen. Hunderte von Mitarbeitern haben alle Hände voll zu tun, die Zentrifugen in Gang zu halten.

„Passt hier denn niemand auf?“, schreit Mokaddam entsetzt. „Schnell, alles radioaktive Material nach Natanz bringen. Wie viel haben wir?“

„Dreißig Kilo zu 36 % angereichert.“

„Weg damit nach Natanz!“

Als er die Katastrophe genauer untersucht hat, hält er den Atem an. Die Zentrifugen laufen mit Sicherheit schneller als 1100 Umdrehungen. Die Computer zeigen jedoch normale Umdrehungen von 1064. Einige Zentrifugenhülsen beginnen bereits, sich wegen der Hitze zu verfärben.

„Nach Natanz?“, fragt Zach. „Vor zwei Jahren hat Stuxnet dort mehr als sechzehntausend Computer zerstört! Die halbe Anlage ist dabei hochgegangen!“

„Weiß ich. Aber das hier wird auch hochgehen! In Natanz hat es ähnlich begonnen“, schreit Mokaddam.

„Und die Kugel?“, fragt Zach.

„Weiter hinten im dritten Seitenschacht rechts“, sagt der General und wirft Zach einen elektronischen Türöffner zu.

***

„Drohne setzt Peilung ab“, hören die Chefs der Abteilung PW des BND in Pullach eine Stimme aus dem Off.

Nelly van Eids Augen springen von links nach rechts und zurück. Sie versucht die Bilder in einen Kontext zu bringen. Amerikaner? Israelis? ... bombardieren das Gebirgsmassiv von Fordo. Sie sieht Nikodem fragend an, der aber nur mit den Schultern zuckt.

„Larry, das bringt nur Verwicklungen. Wisst ihr, was ihr da tut?“, ruft sie beschwörend in ihr Head Set.

„Nelly, lass uns einmal, ein Mal eure ewige Bedenkenträgerei vergessen! Ein Mal!“, schreit Newman zurück. „Die Israelis zerstören die größte Uran-Anreicherungsanlage des Iran und machen mit einem Schlag sämtliche iranischen Atombombenpläne platt. Die Israelis mussten wochenlang warten, bis alle Zentrifugen infiziert waren. Heute geben sie ihnen den Gnadenstoß. Und du fragst mich, ob die wissen, was sie tun! Das Zerstören der Elektronik allein genügt nicht, das hat uns Natanz gelehrt. Wir müssen zusätzlich die Infrastruktur zerstören.“

„Aber die Menschen …“

„Was für Menschen?“

Das Bild vor ihr schaltet um. Man erkennt zwei Ansichten. Der linke Monitor zeigt die Nachuntenoptik einer Drohne, im rechten sieht man die Geradeausoptik eines Miniaturmissiles im Gleitflug. Im Blick nach unten erkennt man die größer werdende Schleife einer Autobahn, die sich in vier Zubringer aufzweigt, die in die Ausläufer des Zagrosgebirgsmassivs hineinführen. Die Autobahn mündet in Richtung Süden in die Nord-Süd-Verbindung zwischen Teheran und Isfahan.

Nikodem steht neben Nelly van Eid. Beide verfolgen heftig atmend das Geschehen.

„Das hat doch keinen Zweck!“, stöhnt Nikodem. „Das Gebirgsmassiv ist viel zu dick. Da kommt nicht einmal eine Atombombe durch!“

„Wait a moment!“, sagt Larry Newman mit hartem Lachen.

Wenig später sieht man an den Bildrändern, wie kleine Seitenflügel des Flugkörpers aufklappen. Er scheint auf der Stelle zu schweben. Im Inneren wird das Ortssignal berechnet, das von der Drohne stammt. Urplötzlich wacht das zögernde Kleingeschoss auf. Es schießt nach vorn. Sucht sich die einprogrammierte Lücke im Berg. Rast über Menschen hinweg, deren Erstaunen man nur ahnen kann. Hält auf eine getarnte Bergöffnung zu und stößt in sie hinein und – das Monitorbild wird weiß.

***

Ein schriller Pfeifton unterbricht Zach und General Mokaddam. Mohammadi schreit ins Funkgerät.

„Ein Kleinflugzeug!“

„Unseres?“

„Keine Ahnung. Eine Drohne vielleicht. Scheint mit dem Mist da zusammenzuhängen!“, ruft er und macht eine hilflose Rundumbewegung. In den Pulk der Mitarbeiter kommt Bewegung. Der ungewohnte Pfeifton ängstigt sie.

„Abschießen! Und unser Held soll die Kugel retten!“, befiehlt Mokaddam militärisch knapp und deutet auf Zach, der sogleich mit wehendem Kaftan nach hinten eilt.

Der Lärm wird infernalisch. Die Zentrifugenhülsen scheinen einen eigenwilligen Bauchtanz zu beginnen. Mokaddams Halsvenen schwellen an. Er hält die Luft an und brüllt dann gegen den Lärm an, als könne er damit die Ordnung wieder herstellen. Und tatsächlich, für einen Moment fügt sich das zerstörerische Rütteln seinem Befehl.

Dann scheint die Luft nach außen gesaugt zu werden. Gleichzeitig explodieren im Abstand von Millisekunden fünfzehntausend Zentrifugen, als stünde irgendwo an der Seite eine unsichtbare Artilleriebatterie, die treffsicher eine Zentrifuge nach der anderen vernichtet. Metallsplitter wirbeln durch die Luft. Flüchtende Menschen werden von den scharfkantigen Splittern durchbohrt, Steine lockern sich, fallen nach unten, krachen auf die Zentrifugen und potenzieren das Zerstörungswerk. General Mokaddams letzter Blick gilt dem monumentalen Steinbrocken, der wie ein Meteorit aus den Anfängen des Universums auf ihn fällt.

Der Schacht zur Kugel wird verschüttet und Zach von den Füßen gerissen. Steine fallen auf ihn, quetschen sein Gesicht, seine Hände. Doch er kann noch atmen. Die Stahltüre zur Kugel hält stand. Gut! Er drückt auf den Türöffner. Er will hinein, hinein und Schutz suchen vor dem Inferno. Langsam, viel zu langsam öffnet sich die Panzertüre.

Zach kriecht zur Öffnung. Schneller! Schneller! Steine prasseln um ihn herum auf den Fliesenboden. Kacheln springen hoch, zerschneiden mit scharfen Kanten Zachs Rücken. Auf den Ellenbogen zieht er sich aus den Steintrümmern heraus und dem stählernen Raum entgegen. Darin, auf einem Podest in der Mitte, die fußballgroße Kugel, umgeben von indirekt beleuchtetem Stahl. Sieht aus wie der heilige Gral in einer Vitrine aus Panzerglas. Unmittelbar auf der Oberkante der Panzertüre zerspringt ein riesiger Steinbrocken in zwei Hälften, die eine Hälfte kracht zersplitternd in den Stahlraum, die andere fällt ungebremst auf Zachs Genick.

***

Sofort schaltet das Bild auf die Bordkamera der Drohne um. Von oben sieht Nelly van Eid, wie sich der Tunneleingang leicht anhebt und wieder zusammenfällt. Eine Staubwolke markiert den Ort der Katastrophe.

„Boden-Luft im Anmarsch – eins, zwei … fünf!“

„Was soll das?“, hört man Lester schreien.

„Drohne ist erfasst! Sie haben uns …“

„Ablenkwaffen, los, los, los!“

„Ablenkwaffen abgeschossen. Nur drei folgen ihnen … Shit! Shit! Shit!“

Die Monitore werden weiß und die hämmernden Schreie zu einem elektronischen Brummen in der Stille.

***

Dr. Harry Feldkamp durchpflügt seinen Operationssaal mit breiter Brust in der Manier eines Schlachtschiffes. Das ist sein üblicher Auftritt, den er vor schwierigen Operationen so stimulierend findet. Doch während der Operation ist er so sorgfältig wie ein Minensuchboot.

Die Welt um ihn herum steht still, als er mit einer gebogenen Kornzange die Drainage in den winzigen Subduralraum der kindlichen Halswirbelsäule legt. Der Abszess kann jetzt abfließen, das Halsmark ist entlastet, das Kind gerettet. Doch er wird sich den Vorwürfen der Geschäftsführung stellen müssen. Einmal mehr hat er an einem Flüchtlingskind eine schweineteure Operation ohne vorherige Kostenabklärung vorgenommen.

Nur langsam dringt das aufgeregte Flüstern und Nesteln um ihn herum in sein Bewusstsein. Das Flüstern wird zu Stimmengewirr mit Clogs, die auf dem Fliesenboden klappern.

„Herr Doktor, entschuldigen Sie, aber da draußen steht ein Mann, der Sie unbedingt sofort sprechen will. Entschuldigen Sie, aber ich kann …“

Feldkamp überprüft noch einmal die Funktion der Drainage und nickt seinem Oberarzt zu, die Halswunde schichtweise zu verschließen. Er fährt mit dem Unterarm über seine überanstrengten Augen und fragt:

„Ich habe Sie nicht richtig verstanden. Was …“

Feldkamp wird von einem unverschämten Hämmern an der OP-Türe unterbrochen. Durch das Fenster hindurch sieht er ein wütendes Gesicht und eine Hand, die ihn auffordert, endlich nach draußen zu kommen.

„Wenn es um Geld geht, ist die Verwaltung schnell wie der Wind“, nickt er der OP-Schwester zu und sagt mehr zu sich selbst: „Folge in der Medizin dem Geld und du stößt auf Verantwortungslosigkeit …“

Doch es ist niemand von der Verwaltung – es ist Thor.

Als Feldkamp mit blutbespritztem OP-Mantel vor ihm steht, ist sogar der Mann, der mit vier Schüssen fünf Männer töten kann, für einen Moment beeindruckt.

„Du kennst mich noch?“, fragt Thor mit deutlichem norwegischem Akzent. Im intensiven Blau seiner Augen scheint sich sein grüner OP-Mantel widerzuspiegeln und eine andere Farbe anzunehmen, findet Feldkamp.

„Du kannst immer noch nicht richtig Deutsch?“, stellt Feldkamp fest.

„Kannst du Norwegisch?“

Nein, in den achtundzwanzig Jahren seit ihrem letzten Zusammentreffen hat er kein Norwegisch gelernt. Damals waren sie beide etwa neunzehn Jahre alt. Feldkamp befreit sich von der OP‑Kleidung und zieht den weißen Kittel über sein verschwitztes Unterhemd. Dann wäscht er seine Hände, um den Handschuhgeruch loszuwerden. Merkwürdig, Feldkamp hat inzwischen eine anerkannte Position in der Gesellschaft errungen, dennoch fürchtet er sich immer noch vor Thor. Selbst hier, am Rande des sterilsten Ortes der Zivilisation, trägt der Kerl einen Pistolenhalfter unter der linken Schulter, wie Feldkamp unschwer an der Ausbuchtung feststellen kann.

„Die Israelis haben Fordo zerbombt und Wolfgang Zach ist schwer verletzt. Du musst ihm helfen.“

Das Wasser, das über Feldkamps Hände läuft, wird immer wärmer, doch er bemerkt es nicht.

Zach!

In einem Nu fühlt er die weiche Haut der Mädchen um Zach, die auch seine Nächte hin und wieder verschönerten. Er spürt noch die Demütigung des Seitensprungs seiner Frau Pergola mit Zach. Er meint den aasigen Geruch der Leichenfelder von Basra im Ersten Golfkrieg zu riechen, als sie für fünfzig Dollar pro Leiche Saddam Husseins Soldaten von den Schlachtfeldern kratzten. Damals waren sie gerade mal neunzehn Jahre alt gewesen. Er hört noch das Hämmern seines Pulses, als er Zachs Spionagetätigkeit für den Iran entdeckte.

Das Einsammeln der Toten war für Zach nur Tarnung gewesen, damit er einen Peilsender an dem russischen Flugplatz von As-Shoibiyah anbringen konnte. Innerhalb einer halben Stunde hatte daraufhin die iranische Luftwaffe vierzig MiG-21 am Boden zerstört. Seither steht Zach so breitbeinig auf der Weltkugel wie ein Stier nach einer gewonnenen Corrida.

Feldkamp zuckt zusammen, weil das heiße Wasser seine Haut verbrüht. Er trocknet die Hände ab und zieht seine Rolex an. Diese Uhr ist ein Geschenk seiner Frau Pergola und der einzige Luxus, den er sich gönnt. Thor zieht derweilen etwas aus einer Aktentasche, Zachs Röntgenbilder. Einen Moment lang hat Feldkamp mit einem Sturmgewehr gerechnet .... Feldkamp pfeift beeindruckt, als er Zachs Halswirbelsäule im Durchlicht der Deckenbeleuchtung begutachtet. Es sind die typisch schlechten Bilder eines mobilen Röntgengerätes, doch er erkennt den mehrfach gebrochenen sechsten Halswirbelkörper. Der das Halsmark komprimiert.

Dekompressionssystem und gleichzeitiger Wirbelkörperersatz mit vorderer Verplattung, geht es ihm durch den Kopf.

Zach hatte ihn immer gelinkt! Ihm zu helfen, heißt einen Skorpion zu melken. Doch Feldkamp ist unfähig, sich von der Not eines anderen abzuwenden, und so sagt er:

„Okay, mache ich.“

Gleichzeitig fallen ihm tausend Gründe ein, warum er nicht zustimmen sollte. Beurlaubung durch die Verwaltung, Operationsset und Wirbelkörperprothese, Pergola benachrichtigen, Unterkunft – und vieles mehr.

Doch Thor beruhigt ihn. „Erledigen meine Mannen“, sagt er. „Officially, du machst einen Vortrag in Algier …“

Feldkamp packt die notwendigen Utensilien zusammen und folgt Thor. Tatsächlich fliegen sie mit einer Cessna zuerst zum Gewerbepark Breisgau bei Freiburg. Dort steigen sie um in Didis moderne Piper Meridian.

Didi Maier!

Didi ist ebenfalls ein Schulfreund aus jener verhängnisvollen Klassengemeinschaft – Zach, Didi, Feldkamp, ein Bundestagsabgeordneter, zwei Winzer und viel zu viele, die sich inzwischen bei den Anonymen oder bekennenden Alkoholikern treffen.

Aber Didi hat das große Los gezogen. Alles, was Didi anfasst, macht er nebenberuflich zu Gold. Didi ist von Beruf Nebenberufler. Er sammelt Berufe. Er ist Landwirt, Badens größter Erdbeerplantagenbesitzer, Flugzeugverleiher, Pilot, Besitzer mehrerer Hangars, Stellplatzvermieter für reiche Flugzeugbesitzer; bald wird ihm Südbaden gehören. Und als Zubrot fliegt er Verbrecher und Klassenkameraden durch die Weltgeschichte, so wie heute. Didi und Feldkamp begrüßen sich, als hätten sie sich erst gestern und nicht vor drei Jahren zum letzten Mal gesehen.

Von hier aus fliegen sie nach Algier, checken dort offiziell aus und sofort wieder ein, um nach einer langen Schleife endlich auf einer Behelfslandebahn bei Fordo im Iran zu landen. Um sie herum herrscht Chaos. Schreiende, schwerverletzte Menschen werden aus einem Bergwerkstollen getragen. Es riecht nach Blut, verbranntem Fleisch, Kot und Urin, es riecht nach Basra.

„Davon berichten westliche Medien nichts. Passt nicht ins ideologische Bild“, sagt Thor, dessen langes blondes Haar wild im Abendwind weht.

Er führt Feldkamp zu einer größeren Holzbaracke. Die Wüstenluft auf der Hochebene ist dünn und abendkühl. Man merkt dem Abendwind an, dass der Tag heiß gewesen ist. Davon merkt man nichts innerhalb der behelfsmäßigen, zu einer Krankenstation umgebauten Baracke. Hier ist es stickig, und als Thor ihn zum einzigen Bett führt, erkennt Feldkamp den glatzköpfigen Mann mit den vielen Pflastern und Verbänden zuerst nicht. Erst als dieser die Augen öffnet und die eng beieinander liegenden Raubtieraugen zu sehen sind, erkennt er Zach.

„Du bist alt geworden und du riechst auch anders“, krächzt Zach. Sein spöttischer Blick taxiert Feldkamp, als halte er ihn für ein übel riechendes Stinktier.

„Im Alter riecht alles anders: Schweiß, Kot, Urin und Sperma“, nickt Feldkamp schmallippig. Er steht steif und mit zusammengekniffenem Hinterteil vor Zachs Bett und wünscht sich weg von hier.

„… und Sperma!“, wiederholt Zach aus der Tiefe heraus hustend. „Unser Harry, wie er leibt und lebt. Achtundvierzig Jahre alt und immer noch so verklemmt wie mit sechzehn. Kannst du etwas für mich tun?“, fragt er ohne Überleitung.

Eine Stunde später steht Feldkamp am provisorischen OP-Tisch, der eigentlich ein verlängerter, hölzerner Küchentisch ist. Vorsichtig hebelt er die Muskulatur und die Gefäße am rechten Hals zur Seite und setzt die beiden Haken der Assistenzärzte an der richtigen Stelle an. Der sechste Halswirbel ist völlig zertrümmert. Der Bluterguss reicht weit nach hinten und dehnt sich unter dem sogenannten Vorderen Längsband halbmondförmig in den Rückenmarksraum hinein. Feldkamp bringt zwischen den beiden fünften und siebten Querfortsätzen je einen Extraktor an, welche den darüber- und darunterliegenden Wirbelkörper nach oben bzw. nach unten drücken und so das vordere Längsband straffen. Durch das Straffen des Längsbandes wird das Rückenmark entlastet.

Unter den Augen iranischer Kollegen, die eigens für diese Operation angereist sind, schält er die Trümmer des geborstenen sechsten Wirbelköpers sowie die obere und untere Bandscheibe aus ihren Lagern aus. Zachs Halswirbelsäule hat nun keine Verbindung mehr mit der Brustwirbelsäule. Der Kopf wird in diesem Bereich nur noch vom Muskelmantel gehalten. Die geringste Bewegung könnte Zach enthaupten. Die Ärzte um ihn herum stöhnen hinter ihrem Mundschutz auf.

Die Türe wird aufgerissen. Lärm, Schreie und Dieselgeruch dringen in die Hütte. Ärzte und Assistenten zucken zusammen und scharen sich um den zum Operationsgebiet umgebauten Küchentisch. Jemand ruft: „Schützt den Sardar! Schützt den Helden!“ Feldkamp klopft einem der Assistenten mit dem Skalpell auf die Finger, weil diese schreckhaft zittern. Feldkamp ist fokussiert und bekommt von alldem nichts mit.

Schließlich bringt er noch das Knochenmark des zerstörten Wirbelköpers in die obere und in die untere Wirbelkörperbegrenzung von Nummer fünf und sieben ein, damit der Titandistraktor hier schneller einwachsen kann. Dann zwängt er den Distraktor in die Lücke zwischen dem fünften und dem siebten Halswirbelkörper und pumpt ihn, wie bei einem Wagenheber, in die entsprechende Länge. Endlich verhaken sich Zangen in der Unterkante des fünften und der Oberkante des siebten Halswirbelkörpers. Auf die künstliche Verplattung zur zusätzlichen Stabilität muss er verzichten, da im Operationsset die Platte fehlte.

Er blickt auf die Uhr. Viereinhalb Stunden Operationszeit. Deutlich länger als zu Hause. Seine OP-Kleidung ist durchgeschwitzt, sie sind hier in der Wüste und es gibt keine Klimaanlage. Das Zunähen des Operationsgebietes überlässt der den iranischen Kollegen, die diese niedere Kärrnerarbeit aber nicht gewohnt sind. Feldkamp bemerkt erst an der ablehnenden Haltung seiner Kollegen, dass er auf fremdem Boden operiert hat. Im Iran ist der Arzt noch ein Gott, den man nicht mit dem Zunähen des Operationsgebietes behelligt. Wie nach einem überlangen Film versucht er seine Sinne wieder an der Wirklichkeit auszurichten. Er muss schnellstens zurück, denkt er.

„Es ist alles in Ordnung“, sagt Thor ungewohnt freundlich. „Brauchst erst nächste Woche zurück in Deutschland zu sein.“

Er deutet auf eine kleine Kammer, in der ein Bett für Feldkamp gerichtet ist. Ohne sich auszuziehen fällt Feldkamp auf das Feldbett und ist mit dem Aufschlagen des Kopfes auf dem Kissen eingeschlafen.

Feldkamp fühlt sich wunderbar erfrischt, als er nach zwölf Stunden Schlaf Zach in seiner Einzelzelle besucht. Über das untere Bettende ragen Zachs Füße heraus. Die linke Kleinzehe fehlt. Jeder Quadratzentimeter an Zach ist Erinnerung.

„Nicht jede Zelle ist ein Gefängnis“, krächzt Zach und versucht ein Lächeln, das aber nicht recht gelingt.

Ja, Zachs Gesichtszüge sind gealtert, stellt Feldkamp fest. Falten wie Canyons durchziehen die Wangen, obwohl Zach weder trinkt noch raucht. Vielleicht ist vorzeitiges Altern der Preis der Angst eines Waffenhändlers, denkt Feldkamp. Oder es sind die Frauen, die ihn fertigmachen?

Er weiß von Zachs vier Frauen. Seine Hauptfrau Swita lebt in Teheran. Sie ist die Tochter eines ehemaligen Ministers des Schah-Regimes. Eine Nebenfrau lebt in Marrakesch, die andere in Algier. Nur Feldkamp kennt Zachs vierte Frau, die mit ihren drei Söhnen in Deutschland lebt. Nicht einmal Swita weiß von ihr.

„Sechs Wochen Bettruhe“, sagt Feldkamp kurz angebunden.

„Wie geht es unserer seidenweißen Pergola? Muss sie den Abstand zwischen Mund und Flaschenöffnung immer noch mit Daumen und Zeigefinger abmessen, wenn sie aus der Flasche trinken will?“

„… und später nur mit Halskrause, ein bis eineinhalb Monate lang.“

„Dir steht das Alter jedenfalls besser als mir. Aber sicher wissen das deine OP-Schwestern und Ärztinnen auch besser als ich, gell?“

„Bevor du die Halskrause ablegst, will ich dich nochmal sehen.“

„Können wir eigentlich noch normal miteinander reden oder behalten wir das Rückwärtsgequatsche bei, Harry?“, hustet Zach wütend.

„Ich will nur weg von hier.“

„Zweihunderttausend Dollar, wenn du bis Sonntag bleibst. Damit hast du die Spielschulden deines Sohnes Tankred mit einem Schlag vom Hals.“

Feldkamp zieht scharf die Luft ein. Er riecht Medikamente, Urin und Holz. Sonntag wäre übermorgen. Woher weiß Zach von Tankreds Spielschulden? Egal, er kann für zweihundert Riesen einen Tag seines Lebens opfern. Genau genommen wäre es eine angemessene Bezahlung für eine abgewendete Querschnittslähmung und den Fick mit meiner Frau, denkt er. Er kann sich ein Leben ohne Tankreds Spielschulden schon nicht mehr vorstellen. Unter jedem Dach ein Ach …

„Du kannst mir das mit Pergola nicht verzeihen“, stellt Zach betrübt fest.

„Würdest du mir dasselbe mit Swita verzeihen?“

„Och Harry, die Polygamie hat so ihre speziellen Vorteile. Da fällt so ein falscher Stecker in der Büchse kaum auf. Du kannst dir übrigens zu den zweihunderttausend noch eine Million dazuverdienen, wenn du mir bei einem Transport hilfst“, sagt er verschwörerisch, als ginge es um die Lieferung wertvoller antiquarischer Bücher. Feldkamp liebt diese alten Schinken, das weiß er.

Zachs Stimme wird heiser, weil Feldkamp den Nervus Recurrens während der Operation malträtiert hat. Geschieht ihm recht, denkt der.

„Du bist so ekelhaft wie immer. Ich will gar nicht wissen, worum es geht. NEIN.

„Worum? Um Waffentransport natürlich!“, versucht Zach zu lachen. „Dieses Mal quer durch Russland nach Wladiwostok und von dort via U-Boot in den Persischen Golf und dann zu uns in den Iran. Das ist ein verzweifelt langer und gefahrenvoller Weg. Deshalb sollst du eine BND-Beamtin für mich aushorchen. Der BND ist gut vernetzt, wenn es um Proliferation und Waffen geht“, fährt Zach unbeirrt fort. Er blickt Feldkamp spöttisch an, weil er dessen Reaktion schon vorausgesehen hat. Er kennt Harry seit ihrer Kindheit und er weiß, wie man ihn triggern kann.

„Es geht um die Leiterin der Abteilung PW, Proliferation und Waffenhandel, im BND. Sie heißt Nelly van Eid. Klingelt es da bei dir?“

Nelly van Eid, die sechsjährige Tochter der Sergejewa Eiderowa. Sie waren Aussiedlerinnen, die anlässlich des Staatbesuches von Leonid Breschnew bei Helmut Schmidt im November1981 in den Westen ausreisen durften. 1982 traf Sergejewa mit ihrer sechsjährigen Tochter Nelly in Freiburg ein. Feldkamp besorgte ihr einen Job bei Didi Maier, dem Erdbeerplantagenbesitzer. Da waren Zach und Pergola schon zusammen. Hätte er doch damals die erheblich ältere Sergejewa genommen, dann hätte er jetzt eine Tochter beim BND und keinen aufsässigen Sohn in Spielcasinos. Doch dann wäre die Sergejewa heute sechsundsechzig und er achtundvierzig. Das wäre auch nicht gut gegangen.

„Du hast sie ja nicht alle!“, schnaubt Feldkamp empört und eilt nach draußen. Er ist kein Freund von frischer Luft, doch jetzt ...

Draußen ist es erheblich kühler als drinnen. Er saugt gierig die frische Luft in die Lungen. Ohne Unterlass werden Schwerverletzte aus dem Berg geholt. Innerhalb weniger Tage hat sich eine kleine Zeltstadt entwickelt, in der operiert, betreut, gestorben und überlebt wird. Was ist hier geschehen, fragt er sich. Was meinte Thor mit westlichen Medien? So ein Berg explodiert doch nicht von alleine. Seine professionelle Neugier und das Leid, vor dem er sich nicht verschließen kann, treiben ihn zum Ort des Unglücks. Es sind vorwiegend Männer, die anderen Männern helfen.

Sanitäter tragen Verletzte auf Bahren und eilen im Laufschritt oder schlängeln sich mit ihrer Last zwischen gestikulierenden Soldaten hindurch zu Zelten, vor denen sie die Verletzten mitunter einfach aus der Bahre kippen. Hier stapeln sich schreiende Schwerverletzte. Hin und wieder kommt ein Arzt und markiert sie mit einem wasserfesten Edding auf der Stirn. Die mit den roten Kreuzen auf der Stirn werden später hinter einen Sandhügel gebracht. Das sind offenbar diejenigen, denen man nicht mehr helfen kann.

„Triage“, denkt Feldkamp. Man kümmert sich um die, die eine Überlebenschance haben, die andern lässt man sterben. Hin und wieder meint Feldkamp hinter dem Hügel ein Flupp Flupp zu hören. Aber vielleicht täuscht er sich ja.

Er kann es nicht lassen und bindet einem Schwerverletzten den Oberarm ab, weil er sonst verbluten würde. Jemand brüllt ihn an, den er nicht verstehen kann.

„Ich bin Chirurg“, ruft Feldkamp und deutet auf seine Brust. „German Surgeon. May I help you?“

Irgendjemand spricht Deutsch und schiebt ihn in eines der Zelte. Hier stinkt es nach fauligem Fleisch und geronnenem Blut. Amputierte Gliedmaßen ragen aus Eimern heraus und ziehen Fliegen an. Von Sterilität keine Spur. Not ist hier ein Euphemismus. Er kennt die Bilder, er kennt die Gerüche. Jemand wirft ihm Gummihandschuhe zu, die in Deutschland seit zwanzig Jahren nicht mehr verwendet werden, oder die nach hier verkauft wurden.

Ehe er sich’s versieht, steht er an einem der provisorischen Operationstische und assistiert einem Kollegen bei der Teilentfernung eines Dickdarmes. Feldkamp ist Neurochirurg. Bauchchirurgie ist wie Starkstromtechnik im Vergleich zur filigranen Schwachstromtechnik der Neurochirurgie. Doch Feldkamp erinnert sich wieder an seine Ausbildung. Im Nu skelettiert er die Gefäße des Mesenteriums, sodass der Kollege dieses gefahrenlos durchtrennen kann. Plötzlich ragt ihnen etwas Spitzes entgegen. Dem Mann ist ein schrapnellähnlicher Gegenstand in den Bauch gedrungen.

Später operiert Feldkamp eine Halsschlagader und einen offenen Knochenbruch. Er bemerkt nicht, dass es Nacht und wieder Morgen geworden ist. Er hat vierzehn Stunden lang operiert, ohne das Vergehen der Zeit zu bemerken. Man muss ihn vom OP-Tisch wegziehen, weil Zach es befohlen hat.

Wie kann ich mich jetzt noch um deutsche Luxuspatienten kümmern, wo sich hier das Leid bergeweise stapelt?, denkt Feldkamp.

Man schleppt ihn in Zachs Hütte, wo ein riesiges Festmahl aufgetischt wurde.

Nelly van Eid schiebt sich vor den Schrecken, den er hier sieht. Mit einem Mal fühlt er das Alter. Damals war sie eine sechsjährige Göre mit einem russischen Akzent, hart wie Zwieback. Jetzt ist sie Abteilungsleiterin beim BND! Unfassbar! Er lacht still vor sich hin und schüttelt unbewusst den Kopf. Er wäre ihr gerne begegnet, doch nicht unter diesen Umständen. Er fühlt, wie die Erinnerung an Nellys Mutter ihn im Nacken bis ins Halsmark kribbelt. Schade, es hätte anders kommen sollen.

Feldkamp ist aufgrund der chaotischen Umstände gezwungen, in Zachs Holzhütte zu Abend zu essen. Beinahe schämt er sich vor den Beobachtern, die ihn nicht aus den Augen lassen. Sie gehören sicher zu Zachs Leibwächtern. Die drei Türsteherfiguren stehen stumm an die Holzwände gelehnt, die Hände, wie in der Kirche, vor ihrem Geschlecht gefaltet.

Als Vorspeise gibt es mehrere Variationen des Sabzi Khordan und Shahat, das sind riesige Platten mit verschiedenen grünen Kräutern. In mehreren Tontöpfen liegen Käsebarren aus Ziegenkäse, Panir sowie das typische Fladenbrot Nane lavash, in das die Kräuter mit einer rahmigen Soße eingerollt werden. Ferner süß und sauer zubereitete Hühnchen, Rindfleisch in allen Variationen, Gemüse, Fisch, Kaviar, Muscheln und perlendes Rosenwasser gegen den Durst.

Es ist ein Essen, das für eine Armee reichen würde. Feldkamp bietet den Bodyguards an, mitzuessen, doch diese lehnen mit einem kurzen Kopfschütteln ab. Zach beobachtet ihn mit steifem Hals durch die offene Türe.

„Es ist gut, dass du einmal den Mund halten musst, Wolfgang“, sagt Feldkamp kauend. „Das Essen ist erste Klasse, wirklich! Du hast schon immer Stil gehabt. Davon schwärmt Pergola seit dreißig Jahren. Was sie damit sagen will, ist, mit dir verglichen zu werden, ist, wie übers Wasser laufen zu müssen. Das war immer schon so. Damals, als du in Diskos ein Mädchen nach dem anderen abgeschleppt hast, war ich dein Resteverwerter.

Und im Ersten Golfkrieg, am vierten April in As-Shoibiyah bei Basra, weißt du noch? Thor mit seinen Norwegern und ich haben, wie an jedem gottverdammten Tag, Leichen in deine Kühlcontainer packen müssen, aber du hast einen Peilsender am einzigen russischen Militärflugplatz angebracht. Um 10 Uhr 43, ich weiß es noch genau, kam das iranische Geschwader und hat vierzig MiG-21 am Boden zerstört. Während wir Saddam Husseins Leichen eingesackt haben, hast du für den Iran spioniert. Ohne jenen Luftangriff gäbe es heute kein Ajatollah-Regime, weil die Iraker den Krieg gewonnen hätten.“

„Tammuz!“, krächzt Zach.

„Ja richtig, ich vergaß! Den israelischen Luftangriff auf Tammuz – 1981 – hatten sie auch deinem Peilsender zu verdanken. Du hast die Israelis zu Husseins Kernkraftwerk geleitet und es von ihnen zerstören lassen. Ohne dich wäre der Irak heute Atommacht und den Iran gäbe es nicht mehr. Irgendwie hast du die Welt verändert. Das war nicht unbedeutend für deine zwanzig Jahre.“

„Deswegen bin ich auch ein Sardar, ein Held, und du nicht!“, grinst Zach. „Es ist ein Treppenwitz, dass mein sechster Halswirbel ausgerechnet von den Israelis gebrochen wurde. Die haben mit einem modifizierten Stuxnet unsere Zentrifugen zum Explodieren gebracht!“

„Hm“, macht Feldkamp. „In deinem Job gibt es eben keine dauerhaften Freundschaften.“

„Du, Harry, bist ein Freund. Und als Freund bitte ich dich noch einmal um deine Hilfe. Das gesamte verdammte Risiko tragen wir. Du musst nur mit einer BND-Agentin schlafen.“

Feldkamp lacht vor sich hin und fühlt sich als Zu-kurz-Gekommener. Verglichen mit Zachs aufregendem Leben ist sein wohlanständiges nicht mehr als ein verklemmter Pups.

„Ich bin nicht dein Freund! Ich habe niemanden getötet oder ins Unglück gestürzt und ich kann auch nicht auf Befehl eine Frau aufreißen. Wir leben in verschiedenen Wertewelten“, ruft er Zach zu. „Verschone mich mit deinen kriminellen Machenschaften. Ja, du bist der große Krieger, du hast sogar Victor Bout den Amerikanern ans Messer geliefert. Du bist hier ein Sardar. Von mir aus. Aber lass mich außen vor. Behalt dein Blutgeld, ich will es nicht.“

Feldkamp ist aufgestanden und wirft Zach fünfzig Euro auf die Bettdecke. „Fürs Essen. Ich will dir nichts schuldig bleiben. Wenn du mich bitte nach Hause bringen lässt, das wäre mir das Entlohnung genug.“ Er will nicht mehr bis Sonntag bleiben, er will sich nicht korrumpieren lassen, er will einfach nur weg von Zach.

Mit einem Raubtierblick, der jede Bewegung seines Opfers mit einem inneren Angriffsplan abgleicht und diesen gegebenenfalls auf eine günstigere Gelegenheit verschiebt, macht Zach eine lässige Entlassbewegung. Während Feldkamp zum Behelfsflugplatz geleitet wird, führt Zach ein Ferngespräch. Einer seiner Bodyguards hält das Handy an Zachs Ohr:

„Nein, er lehnt alles ab – ja, die übliche Jesus-Christus-Moral“, sagt Zach hustend. „ja, das volle Programm, wie abgesprochen – nein, ich werde mich selbst um Pergola kümmern.“


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