"Ein Roman ist wie der Bogen einer Geige und ihr Resonanzkörper wie die Seele des Lesers“  – Stendhal

Aus "Badische Zeitung" 21.4.2015

Weltgeschichte, Schauplatz Müllheim

Mit Wolf R. Seemann stellt ein gebürtiger Badenweiler sein Romandebüt "Rostiges Gras" vor.                                                                     

Wolf R. Seemann bei der Autorenlesung in der Müllheimer Buchhandlung Beidek. Foto: Beatrice Ehrlich

MÜLLHEIM. Immer wieder kommt es vor, dass Autoren, die ihre Wurzeln im Markgräflerland haben, den Schauplatz der Handlung auch hierher verlegen. In der Müllheimer Buchhandlung Beidek war Wolf R. Seemann zu Gast, der in Badenweiler geboren wurde und Kindheit und Jugendjahre in Müllheim und Heitersheim verbracht hat.  Es ist eine kleine Gruppe Interessierter, die an diesem Freitagabend gekommen ist, um Seemann aus seinem ersten Roman mit dem Titel "Rostiges Gras" lesen zu hören. Die meisten kennen ihn von früher, einige interessieren sich besonders für den historischen Hintergrund seines Buches.  Und tatsächlich: Seemanns Buch ist ein Ritt im Galopp durch hundert Jahre Familien-, aber auch deutscher Geschichte, die Zuhörer folgen gebannt. Seemann versammelt in seiner Familiengeschichte unglaubliche, ja fantastische Anekdoten: von den persönlichen Kontakten eines Verehrers seiner Großmutter in den Generalstab des Kaisers vor dem Ersten Weltkrieg bis hin zur Bombardierung Freiburgs aus der Perspektive einer Gruppe von Menschen, die – nachdem ein Gänserich sie durch lautes Schnattern gewarnt hat – im Münster Zuflucht gefunden haben. Hier mischen sich historische Fakten mit familiären Überlieferungen und kolportierten Legenden. 

Fixpunkte seines Erzählstrangs sind die Frauen – seine Mutter Lissi und seine Großmutter Klara haben handlungstragende Funktionen. Anhand ihrer Lebensdaten spannt der beredte Arzt den ganz großen Bogen auf: Von höchst privaten Erlebnissen, wie etwa einem Streit in der Schule und dem ersten Kuss, bis hin zur großen weiten Welt des politischen Berlin vor dem Krieg, wo er, respektive seine Großmutter, natürlich auch immer das Ohr am Schlüsselloch hat.  Wenn da in Briefen von General von Moltke die Rede ist, wie er zum Krieg drängt, oder über die Familie Kaiser Wilhelms des Zweiten getratscht und geplaudert wird, als gehöre er zum engsten Bekanntenkreis, so erscheint das einerseits historisch gewagt und mitunter respektlos, doch Seemann macht das wett durch die sympathische Unbekümmertheit und erzählerische Kühnheit, mit der er sich seinem Subjekt nähert. Vergnüglich zu lesen ist das Buch aber auch noch aus einem anderen Grund: Für den lokalgeschichtlich Interessierten lässt Seemann auch das Müllheim der 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts aufleben, mit seinen Gebäuden, Bewohnern und Details wie etwa der Ruhebank, die beim Sonntagsspaziergang angesteuert wird. Das alles ist sehr lebendig erzählt, wenn auch, wie überhaupt das ganze Buch, nicht hundertprozentig quellengetreu.  So folgen auf Seite 316 interessante Beobachtungen über Müllheim: "Nicht nur Müllheim, das ganze Markgräfler Land war eine Enklave der Langsamkeit. Selbst der Sand in den Uhren schien hier grobkörniger zu sein." Es handelt sich um Szenenbeschreibungen aus einer Zeit, die noch manchem älteren Müllheimer lebendig in Erinnerung stehen muss. Auch die Rahmenhandlung, in der er seinen Bericht eingebettet hat, sprengt alle Erwartungen.  Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Bei einem Glas Wein ließen Autor und Gäste den Abend gemütlich ausklingen.

Info: Wolf R. Seeman – "Rostiges Gras", Blauband Verlag, 428 Seiten, 19,90 Euro