"Ein Roman ist wie der Bogen einer Geige und ihr Resonanzkörper wie die Seele des Lesers“  – Stendhal

Leseprobe "Rostiges Gras"

  

Rostiges Gras - Roman von Wolf R. Seemann

Erstes Buch

Klara

Für Klaras Geburtstag am 12. Juli 1894 kann man keinen hervorragenden Menschen, kein politisches Ereignis, kein Unglück und auch kein Glück in den Zeugenstand treten lassen. Nicht einmal eine Idee hat an diesem Tag zur Erfindung gerinnen wollen. Das Schweigen dieses Tages wäre historisch gewesen, hätten es die Zeugen der Zeit bemerkt.

Klara wurde in eine Welt geboren, in der die Uhren noch unterschiedlich schnell liefen. Damals hatte fast jede Stadt ihre eigene Zeit. Die Zifferblätter zeigten Temporalstunden an. Im Sommer dauerte eine Tagesstunde etwas länger als eine Nachtstunde, im Winter war es umgekehrt. Der Kaiser versuchte, überall die moderne Äquinoktialstunde einzuführen, die Gleichheit von Tag und Nachtstunde, die sich an der Greenwichzeit orientierte. Doch Berlin war von Rottenburg weit entfernt, und die Zeit im Süden lief schon immer anders.

Am Tag ihrer Geburt im Sommer 1894 hörte man in Rottenburg nur die Vögel pfeifen, was die Ruhe unter den Menschen noch beklemmender erscheinen ließ. Um die Mittagszeit durchbrach das Schellen des Dorfbüttels das bleierne Schweigen. An diesem Tag hatte er den Marktplatz mit dem schönsten Dorfbrunnen des Reichs für sich allein und beobachtete das Flimmern farbiger Lichtpunkte auf dem Pflaster, wo sich Sonnenein- und -abstrahlung verschränkten. Er sah auf das gleißende Zifferblatt am Dom und verglich die angezeigte Stunde mit der gefühlten.

Heuer kursierte über den lauthalsen Kaiser kein Bericht. Man hielt ihn für einen Springinsfeld. Sein Vater hatte nur 99 Regierungstage durchgehalten, und so folgte Wilhelm II. de facto seinem Großvater Wilhelm I. auf den Thron. Und wie beinahe immer, wenn Enkel Nachfolger ihrer Großväter wurden, blieb kein Stein auf dem anderen. Bismarck war der erste Stein, den der junge Kaiser anno 1890 aus dem Weg schaffte. Damit setzte er sich gleich in alle denkbaren Nesseln.

Klaras Familie im Süden trauerte nur verhalten um Bismarcks Abgang. Seine antikatholischen Gesetze hatten die Gräben zwischen Katholiken und Protestanten vertieft. Rottenburg galt über Jahrhunderte als der nördlichste Zipfel des katholischen Habsburg und wurde bis in die damalige Zeit hinein die „Schwanzfeder des habsburgischen Reichs“ genannt. Wer hier aufwuchs, bekam die Mentalität eines Bollwerks gegen den Protestantismus anerzogen. Mit den pietistischen Schwaben wollte man nichts zu tun haben.

Klaras Vater, Josef Anton Manz, war ein Mann, den ein Krieg nur entweder zum Helden oder zur Leiche machen konnte. Ein Dazwischen gab es bei ihm nicht. In seiner Jugend, um 1875, ging er als Handwerksbursche auf die Walz. Bis tief hinunter in den düsteren Balkan trieb es ihn, bis an die griechische Grenze sogar. Unterwegs lernte er den Weinanbau und das Bierbrauen. Wie das Fleisch unter den Weiberröcken aussah, wurde dem feschen Deutschen ebenfalls gezeigt. Auf dem Rückweg arbeitete er ein halbes Jahr auf einem kleinen Bauernhof in Säckingen. Der Besitzer, ein Mann namens Ebi, hatte nach der Kälteschlacht an der Lisaine im Krieg von 1870/71 einen Orden verliehen bekommen. Das hatte dem Josef Anton mächtig imponiert und er wäre am liebsten selbst in einen Krieg gezogen, wenn es nur einen gegeben hätte. Doch die Friedensperiode von 1871 bis 1914 kam gut ohne Helden aus.

In Ermangelung eines Krieges übernahm Josef Anton das Gasthaus seines Vaters, des Lammwirts, und heiratete. Zum Zeichen, dass sein unstetes Leben mit der Hochzeit ein Ende habe, warf er die Rebstockwurzel, die das Geschenk einer schönen Weinbäuerin aus Siebenbürgen für gewisse Unanständigkeiten gewesen war, auf den Misthaufen hinter der Scheune. Dort wuchs die Wurzel unbeeindruckt weiter.

Josef Anton war ein, für die damalige Zeit, modern denkender Mensch, der es verstand, Geschäfte zu machen. Doch an diesem 12. Juli 1894, dem Tag von Klaras Geburt, schwieg selbst der sonst so redselige Vater.

„War wohl ein Unfall, was?“, spotteten die Gäste über den Wirt.

Klaras Mutter Rosina hatte nun schon zehn Kinder geboren und war Mutter von nur dreien. Drei Kinder waren der Grippeepidemie von 1890 zum Opfer gefallen und vier hatten einfach aufgehört zu atmen. Die neugeborene Klara, Schwester Theresa und Bruder Hans bildeten das Destillat aus fünfzehn Jahren Ehe und acht Jahren Schwangerschaft.

Die Ehe und die Geburten hatten Klaras Mutter arg zugesetzt und die sieben Kindergräber hatten ihr den Tod zum Tischgesellen werden lassen. Rosina hatte das Kinderkriegen satt! Was hatte sie nicht alles versucht, um die Wildheit ihres Mannes zu zügeln. Sogar vor einer Prise Salpeter hatte sie nicht zurückgeschreckt. Doch sie konnte Josef Anton nicht aufhalten.

Sein aufbrausendes Wesen sorgte dafür, dass die Familie – obgleich wohlhabend – in der Stadt nur mit spitzen Fingern angefasst wurde. Durch die Fehde mit den von Wildts schien überdies der Familienwohlstand ständig in Gefahr. Diesen vermaledeiten Menschen dagegen, diesen Pferdezüchtern, schien das Glück hinterherzulaufen. Elsa von Wildt hatte vier Kinder geboren und alle vier lebten zu dieser Zeit noch. Der jüngste Sohn Rufus war just vier Monate vor Klara zur Welt gekommen und gedieh prächtig.

Klara zeigte schon als Säugling, dass sie sich nicht unterkriegen lassen würde. Sie hatte die Sturheit ihres Vaters geerbt, wuchs schnell und entwickelte sich zu einem kapriziösen Persönchen. Als Kleinkind schon fühlte sie sich im Mittelpunkt ihrer Familie, die damals auf 500 Jahre Geschichte zurückblicken konnte und drei Mägde, drei Knechte, eine Küchenhilfe und eine Kaltmamsell beschäftigte – eine Familie mit Status.

Da Rottenburg im Norden und Osten von evangelischen Schwaben eingekreist war, bot sich nur der Bodensee als jährliches Urlaubsziel an. Die vielerzählten Mythen dieses Sees kumulierten zum Höhepunkt der alle 80 Jahre eintretenden „Seegfrörni“, bei der der ganze Bodensee zufror. Dieses Ereignis wurde mit einer geheimnisvollen religiösen Prozession gefeiert. Auch Klara würde bei einer solchen Prozession den zugefrorenen See eines Tages überqueren, hatte ihr der Vater schon früh in Aussicht gestellt. Damals konnte Klara nicht glauben, dass je ein Mensch über einen See laufen könnte. Das hatte doch nur der Herr Jesus gekonnt.

 

Wortlos

„Machen wir Tabula rasa. Er atmet nicht, bewegt sich nicht, zeigt keine Schmerzreaktionen, er verdaut nur noch. Er ist klinisch tot.“

„Das EEG zeigt aber hin und wieder Leben in der Nuss.“

„Er“ bin ich, die Nuss ist mein Kopf, Tabula rasa mein Tod.

Die beiden Ärzte, die an meinem Krankenbett auf der Intensivstation stehen, führen dieses Gespräch nicht zum ersten Mal. Sie halten mich für hirntot und suchen nach einem Weg, mich loszuwerden. Dabei bin ich weder klinisch noch biologisch tot, ich bin nur nicht mehr richtig am Leben. Ich höre und sehe alles. Wenn man mir die Augen öffnet, sehe ich für einen Augenblick die bemühte Sterilität einer Intensivstation mit ihrer Staffage aus Ärzten, Krankenschwestern und Apparaturen.

Ich kann alles fühlen und hasse das Rohr in meinem Rachen, das mich beatmet und würgt. Doch das wissen diese Kerle nicht. Sie nennen mich einen Wachkomapatienten, einen toten und fühllosen Geist in einem lebendigen Körper. In Wahrheit ist es umgekehrt. Mein Geist ist eingeschlossen in einem Gefängnis aus bewegungslosem Fleisch. Der dafür erfundene plakative Anglizismus „Locked-in-Syndrom“ klingt harmlos verglichen mit der Wirklichkeit. Ich bin nicht nur eingeschlossen in einen vollständig gelähmten Körper, mein lebendiger Intellekt muss auch permanent die beleidigende Gedankenlosigkeit der Menschen ertragen, die um mich herumwirken.

Ich leide an einer Unterbrechung zwischen Kleinhirn und Großhirn. Das Großhirn denkt und fühlt, das Kleinhirn ist für die Bewegungen zuständig, die vom Großhirn gesteuert werden. Die Aufträge meines Großhirns kommen im Kleinhirn nicht an. Ich kann mich anstrengen, wie ich will, mir gelingt weder ein Wort noch ein Stirnrunzeln. Ich bin wie ein Auto mit gebrochener Antriebswelle: Energie ohne Bewegungsmöglichkeit. Alles, was ich bieten kann, sind Gedanken, die sich in gehaltlosen Kurven auf dem Monitor des Enzephalogramms niederschlagen. Paradoxerweise halten mich eben diese Kurven am Leben, weil das Gesetz ein Nulllinien-Enzephalogramm zur Todzeitbestimmung vorschreibt. Keine Nulllinie, kein Abstellen der lebenserhaltenden Maßnahmen. Soweit das Gesetz.

Je länger jedoch die frustrierenden Bemühungen der Ärzte um mich herum andauern, desto größer wird ihr Wunsch, mich zu erlösen. Ich kenne das. Oft genug habe ich selbst vor Krankenbetten gestanden, bin selbst Staffage gewesen. Irgendwann will man den lebenden Toten nicht mehr sehen, der einem täglich die eigene Begrenztheit vor Augen führt und dabei den Betrieb aufhält. Sie wollen mich erlösen und meinen damit in Wahrheit sich selbst.

Doch ich will nicht erlöst werden!

Meine als elektrischer Strom gemessenen Gedanken zirkulieren in meinen Hirnwindungen. Ich denke meist in szenischen Bildern. Das gibt den abgeleiteten Kurven mehr Pep und mir die Illusion einer lebendigen Körperlichkeit. Ärgerlicherweise übermannt mich immer wieder der Schlaf, der für mich keine Erholung, sondern eine böse Falle ist. Er kommt meist dann über mich, wenn die Idioten ein EEG von meinem Hirn aufzeichnen.

Ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin oder warum ich hier liege. Diese Dauerverblüffung wird mich bald wahnsinnig machen, wenn ich es nicht schaffe, einen Ausweg zu finden. Im Moment sehe ich keinen.

Anders als mein visuelles Gedächtnis ist mein auditives Gedächtnis verkümmert. Hören war mir nie wichtig, sehr zum Leidwesen meiner Frau. Dass ich ausgerechnet jetzt auf meine Schwachstelle angewiesen bin, ist eine Gemeinheit Gottes, wenn ich das einmal so denken darf.


Erste Anläufe

Groll ist der Preis für ein gutes Gedächtnis. Klaras Groll auf die von Wildts wurde bereits im Kindergarten angelegt. Schon bevor sie als dreijähriges Mädchen im katholischen Kindergarten zum ersten Mal auf Rufus von Wildt, den gleichaltrigen Spross des Familienfeindes, traf, hatte die Geschichtslast die beiden mit gegenseitigem Abscheu geimpft. Die Ordensschwestern der Einrichtung versuchten ab dem ersten Kindergartentag ohne großen Erfolg, Klara und Rufus voneinander fernzuhalten.

Jedem Rottenburger wurde von klein auf beigebracht, dass man einen Manz nicht mit einem von Wildt zusammenbringen durfte. Der eine funktionierte für den anderen als Brennglas, an dem er sich entzündete. Nach der Kindergartenzeit hoffte Klara, Rufus besser aus dem Weg gehen zu können. Doch die Hoffnung wurde enttäuscht. Die Schulzeit pferchte Klara und Rufus wieder in einem Raum zusammen.

Die Volksschule in Rottenburg bestand damals aus drei Klassen. Die Schulanfänger unterrichtete man nachmittags, die Älteren vormittags. Im Winter brachten die Schulkinder Kohle zum Beheizen des einzigen Klassenzimmers von zu Hause mit. Der einzige Lehrer, Herr Roller, wohnte mit seiner Frau im zweiten Stock des Hauses, direkt über dem Klassenzimmer, sodass seine Wohnung von den Kohlen der Kinder mitbeheizt wurde.

Im Frühling durften die Mädchen anstelle des Unterrichts Frau Roller im Garten beim Unkrautjäten zur Hand gehen. Das nannte sich dann „Biologieunterricht“. Die Schülerinnen taten es bereitwillig, weil sie auf diese Weise Lehrer Rollers schrecklichem Frontalunterricht entgehen konnten.

Auch in der Küche brauchte Frau Roller hin und wieder Hilfe. Um dem Unterricht zu entgehen, fand sich jeder dazu bereit. Rufus schaffte es immer, sich an die erste Stelle zu schieben. Wenn Frau Roller Hilfe brauchte, klopfte sie drei Mal mit dem Besenstiel auf den Küchenboden über dem Klassenzimmer. Das Klopfen bedeutete ihrem Mann, einen Schüler nach oben zu schicken. Anfangs fragte Herr Roller, wer dazu bereit wäre. Dann reckten sich fünfzig Finger nach oben und Herr Roller quälte sich, einen auszuwählen. Diese Qual nahm ihm Rufus bald ab. Er streckte bereits den Arm, wenn das erste Klopfzeichen noch nicht verklungen war. So stieg Rufus mit der Zeit zum besonderen Schützling von Frau Roller auf, denn es schmeichelte der Frau des Lehrers, einen adligen Zögling um sich zu haben.

Alle anderen Kinder mussten im Unterricht von Herrn Roller ausharren – und der war sterbenslangweilig. Der Lehrer las aus seinen Büchern vor und die Kinder mussten das Vorgelesene wörtlich wiedergeben. Jeder Jahrgang schlug sich mit denselben Rechenaufgaben, denselben Aufsatzthemen, denselben Diktaten wie schon die Generation der Eltern herum. Deshalb erhielten natürlich alle gleich gute Noten. Wenn Herr Roller über den Frühling rezitierte, hieß es zum Beispiel: „Die frühesten Zeichen des Frühlings sind die Winterlinge und Schneeglöckchen im Garten und die Kraniche in der Luft.“ Und mit ebenjenen Worten musste jeder Aufsatz beginnen. Natürlich stand dann auch in jedem Schulheft dasselbe. Vielleicht besaß Herr Roller selbst angefertigte Schablonen, mit denen er zu Hause mühelos die Schreibfehler korrigierte.

Damals besaßen Rufus und Klara einen gewissen Sonderstatus in der Schule. Ihre Strafarbeiten bestanden allenfalls aus dem hundertfachen Schreiben eines Satzes, der meist mit „Ich darf nicht während des Unterrichts …“ begann. Die anderen Mitschüler wurden geprügelt, bis Herr Roller Atemnot bekam, wie Harald, „der Ziegenpeter“, zum Beispiel, der den Geruch seiner Schützlinge angenommen hatte. Lehrer Roller ertrug den Gestank eines Tages nicht mehr und schlug den Jungen grün und blau. Ziegenpeters Mutter brachte ihren mit Blutergüssen übersäten Sohn zu einem Arzt, woraufhin dieser Herrn Roller wegen Misshandlung bei der königlichen Regierung in Karlsruhe anzeigte. Doch das änderte nichts zum Guten – ganz im Gegenteil: es machte Harald erst recht zum Objekt von Rollers Prügelsucht.

Eugen, den alle „die Lippe“ nannten, weil von seiner dicken Unterlippe ständig Speichel tropfte, wurde auch einmal in ähnlicher Weise gezüchtigt. An einem Montag kam die Lippe mit verbundenen Händen zum Unterricht. Herr Roller hatte am Sonntagnachmittag beobachtet, wie Eugen eine Birne von einem der Bäume im Manz’schen Garten pflückte. Die Familie Manz hätte den Verlust sicher verkraftet. Doch Herr Roller befand auf Diebstahl. Er setzte die Strafe auf je zwanzig Schläge auf beide Hände fest und vollstreckte sie sogleich höchstpersönlich mit einer Weidengerte an Ort und Stelle.

An diesem Morgen las der Lehrer den Kindern aus dem Ratgeber für Volksschullehrer Jahrgang 1900 Folgendes vor: „Eine Überschreitung des Züchtigungsrechtes seitens des Lehrers liegt nicht vor, wenn derselbe ein Kind eines Verbrechens oder Vergehens wegen zur Verantwortung zieht. Der Lehrer darf Ausschreitungen auch außerhalb des Schullokals und der Unterrichtszeiten strafen. Nach Erkenntnissen des Oberverwaltungsgerichtes vom 7. Februar und 7. November 1883 gelten blaue, mit Blut unterlaufene Flecken am Körper des gezüchtigten Kindes nicht als Beweis für eine Überschreitung des Züchtigungsrechtes.“ Diesen Abschnitt nahm Lehrer Roller dann in seine Diktatsammlung auf. Die Diktate dieses Texts jedoch wimmelten seltsamerweise von Schreibfehlern …

Eugen die Lippe war der ältere Bruder von Adolf, den Klara und die anderen Mädchen „die Tulpe“ nannten. Er war so kleinwüchsig, dass er stehend an einer Tulpe hätte schnüffeln können. Die Tulpe wurde von Roller mit Nachsicht behandelt, weil er eine wunderbare Schönschrift hatte. Der älteste Bruder der beiden war Jakob, den seine Mitschülerinnen hinter vorgehaltener Hand später „den Umwerfenden“ nannten, weil er sie ständig zum Lachen brachte.

So waren drei Jahrgänge in einer Klasse versammelt, die von Roller im Stundenrhythmus abwechselnd unterrichtet wurden. Die, die gerade nicht dran waren, mussten aufmerksam zuhören oder sie wurden zu Arbeiten auf dem Feld des Lehrers beordert. Die meisten Lehrer mussten damals ihr karges Gehalt mit einem zweiten Beruf aufbessern. Meist wählten sie eine Tätigkeit, bei der sie ihre Schüler einspannen konnten – Herr Roller war Landwirt.

Rufus und Klara hatten als herausgehobene Sonderlinge klare Aufgaben. „Klara die Reiche“ musste für Lehrmaterial sorgen, „Rufus der Adlige“ repräsentierte. Vater Manz bezahlte die Schiefertafeln und Griffel für die armen Kinder aus den Gerberhäusern am Rand der Stadt. Er organisierte auch die erste Wandkarte für das Klassenzimmer, damit für die Schüler das Deutsche Reich zum Bild und mit anderen Ländern verglichen werden konnten. Josef Anton ließ im Lehrergarten auch eine Rutschbahn für die Mädchen bauen. Kurzum, die Familie Manz war für das Geld zuständig.

Rufus durfte bei Festveranstaltungen Gedichte aufsagen und sich im Namen der Schüler bei der Obrigkeit bedanken. Dann hieß er plötzlich nicht mehr Rufus, sondern „unser junger Herr von Wildt“. Klara jedoch wurde nicht geehrt. Die Anstrengungen ihres Vaters wurden mit einem kurzen „Das haben wir einem lieben Gönner zu verdanken …“ bedacht. Wenn Klara das hörte, ballte sie die Fäuste, bis sie weiß wurden.

Rufus bekam damals reichlich Gelegenheit, sich zur Schau zu stellen, denn Feste gab es zu Hauf. An jedem 22. März wurde der Geburtstag des Kaisers mit Kaffee, Kaiserbrezeln und Vorführungen gefeiert. Am 27. Februar 1906 feierte man die silberne Hochzeit des Kaiserpaares. Klaras Familie hatte für eine künstliche Allee aus Birkenbäumchen zu sorgen, Rufus dirigierte den Knabenchor zu „Heil dir im Siegerkranz“.

An jedem 2. September feierte man den „Sedantag“. Der erinnerte sowohl an den Sieg über die Franzosen von 1871 als auch an die Kaiserkrönung und damit an die Reichsgründung. Dieses Fest war das lustigste. Man wetteiferte beim Sackhüpfen mit nach Würsten schnappen. Für Rufus wurde die Wurst immer etwas tiefer gehängt, damit er sie leicht erwischen konnte. Am Ende folgten Fahnenschwenken, Ballons, Marschmusik und sogar ein Feuerwerk. Dann waren da natürlich noch die kirchlichen Feste wie Weihnachten, das Dreikönigsfest, Maria Lichtmess, Karfreitag, Ostern, Pfingsten und den Reformationstag.

Solche Feierlichkeiten bildeten für die Kinder ein Gemeinschaftsgefühl, das sich mit Stolz und Wohlbefinden in einer Weise mischte, wie sie die Vorfahren nie hatten erleben dürfen. Man fühlte sich nicht als Mitglied einer Zufallsgemeinschaft. Die Kinder und die meisten Erwachsenen waren der festen Meinung, das Deutsche Reich stehe unter dem Segen Gottes, der das ganze Gebäude – angefangen vom allergnädigsten Kaiser bis in die untersten Verästelungen der Obrigkeit – zusammenhalte.

In der dritten Klasse bekamen Klara und Rufus einen neuen Lehrer. Herr Stamm war modern, aufgeschlossen und glaubte an das Gute im Menschen. Er folgte neuen pädagogischen Prinzipien und meinte, dass man das Gegensätzliche nicht meiden, sondern aushalten solle. Als erste revolutionäre Maßnahme setzte er Rufus und Klara nebeneinander auf eine Zweierbank. Noch nie hatte ein Junge überhaupt neben einem Mädchen gesessen, und dann teilten ausgerechnet die beiden Erzfeinde die Bank. Deren Holz glänzte blankgewienert von unzähligen Lederhosen, und in der schrägen Schreibplatte zeugten zahllose Ritze von etlichen Schülergenerationen vor ihnen. Die Griffel für die Schiefertafel legte man in der oben eingefrästen Rinne ab. Unter der Platte befand sich ein einfaches Brett als Ablage für Bücher. Wenn man nicht aufpasste, fielen die Bücher vorne wieder heraus und die Schüler bekamen einen Eintrag.

Es war ein verhasstes Nebeneinander in dieser ersten Bank, doch Klara arrangierte sich im Laufe der Zeit damit. Immerhin wurden die Leistungen der beiden Schüler in dieser Zeit sehr viel besser, denn keiner wollte schlechtere Noten haben als der andere.

Eines Tages war der Waffenstillstand vorbei. Der völkische Unterricht näherte sich dem hohen Mittelalter, Kaiser Sigismund zog um 1385 gegen die Osmanen zu Felde und Klara winkelte pflichtbewusst ihren rechten Unterarm nach oben und meldete sich zu Wort:

„Zu dieser Zeit hat es unsere Familie schon gegeben. Mantz der brotbeck ist anno 1388 über den Würmlinger Berg eingewandert und hat gegen einen Lindwurm gekämpft. Daher hat der Berg seinen Namen …“

„Schön, Klara. Jetzt wissen wir das auch …“, versuchte der Lehrer sie zu stoppen.

„Aber …, aber uns hat es auch schon gegeben!“, unterbrach Rufus Herrn Stamm lautstark. „Der Wilde, die Stadtwache und der Stammvater aller von Wildts, hat diesen Wegelagerer nicht in die Stadt eindringen lassen wollen. Deshalb ist er von diesem Mantz halb totgeschlagen worden.“

Rufus sprach ohne Erlaubnis des Lehrers. Das grenzte an Aufruhr! Die Klasse hielt den Atem an.

„Das war doch nur irgendein Wilder, da kann jeder behaupten, dass …“, keifte Klara.

„Wollt ihr wohl still sein!“, schrie Lehrer Stamm. „So etwas ist mir ja noch nie untergekommen.“

Doch Rufus und Klara hatten sich in Rage geredet. Die jeweilige Familienehre stand auf dem Spiel – da spielte eine mickrige Strafarbeit keine Rolle!

„Euer Mantz war irgendein Mantz. Außerdem hat der sich damals mit ‚tz’ geschrieben. Das war überhaupt niemand von deiner Familie. Sonst könnte ja jeder behaupten, er sei der Urahn von allem“, schrie Rufus seine Gegnerin an.

„Wir haben unser ‚t’ halt mit der Zeit verloren …“

„… und wir haben unser ‚t’ gewonnen. Wir gewinnen immer!“, triumphierte Rufus.

„Klara, du schreibst zehn Seiten ,Ich soll im Unterricht nicht ungefragt reden'. Rufus, du …“

„Ach wirklich?“, äffte Klara. „Und wer hat wen vor dem Stadttor besiegt?“

„Und wer ist später am Pranger wegen dieser Freveltat ausgepeitscht worden? Euer Manz mit ‚tz’!“

„Wegen eines gefälschten Gottesurteils. Ihr habt den Pfarrer bestochen!“, schrie Klara.

„Das war gerecht! Euer Mantz wäre hingerichtet worden, wenn sich seine Frau, die in Hoffnung war, nicht vor den Henker gestellt hätte.“

Rufus lachte hämisch und blickte siegessicher über die gesenkten Köpfe seiner Schulkameraden.

„Dein brotbeck hat sich von einem Weib das Leben retten lassen“, rief er verächtlich und deutete mit dem Zeigefinger auf Klara. „Ihr alle hängt von einem Weib ab!“

„Ja und?“, entgegnete Klara mit einem Mal stolz. Dieser Umstand wäre wohl in Vergessenheit geraten, hätte nicht ausgerechnet Rufus darauf aufmerksam gemacht. „In meiner Familie sind nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen schneidig“, ergänzte sie spitz und in aller Seelenruhe.

„Schluss jetzt!“, rief Herr Stamm entnervt. „Rufus von Wildt, merke dir: Der Zeigefinger ist immer eine verkürzte Greifhand. Ein Junge deines Standes vergreift sich nicht an einer Bürgerlichen! Das schreibst du nach der Schule zwanzig Mal in dein Strafarbeitsheft.“

„Jawohl, Herr Lehrer!“, antwortete Rufus knapp.

Das war Klaras erster richtiger Zusammenstoß mit dem Sprössling des Bösen. Alle Karten eines über 500 Jahre alten Familienspiels waren in zwei oder drei Minuten von den Kindern der verfeindeten Familien ausgespielt worden. Damals wussten sie noch nicht, dass auch sie nur Spielfiguren und keine echten Akteure waren.

Im Jahre 1905 sollte Klaras Erstkommunion stattfinden. Normalerweise stand sie in der Pyramide aller katholischen Familienfeste nach der Hochzeit an zweiter Stelle. Für Klara aber war es eine Zumutung. Obwohl die Familie Manz seit 500 Jahren – seit jenem fatalen Gottesurteil – den Dom mied wie eine Krankheit, sollte sie plötzlich ihre Erstkommunion in dieser Schandkirche feiern. Als bekannt geworden war, dass Rufus die Jungenriege anführen sollte, musste der gute Rösslewirt mit seiner Klara dagegenhalten. Sie sollte also die Mädchenriege anführen in dem Gebäude, das ihr fremder war als eine evangelische Kirche.

Nach jeder Sonntagsmesse unterrichtete der Dompfarrer die Kinder im Dom: Kniebeuge vor den Altarstufen, die Stufen aufwärts schreiten, noch einmal eine Kniebeuge. Dann legte der Pfarrer eine ungeweihte Oblate auf die Zunge, damit man auf den Geschmack kam. Wieder eine Kniebeuge, rechtsherum drehen, dem blöden Rufus von Wildt kurz in die Augen sehen, der natürlich heimlich Faxen machte, dann paarweise gemessenen Schrittes die Altarstufen wieder hinuntergehen. In der ersten Übungsstunde flüsterte ihr Rufus genüsslich ins Ohr:

„Dort vorne auf der Altarstufe hat die Kerze deiner Familie gestanden und ist früher als unsere heruntergebrannt – Gott hat es so gewollt!“

„Quatsch!“, rief Klara. „Euer bestochener Pfarrer hat das Fenster offen gelassen, damit unsere Kerze im Durchzug steht. Deshalb ist sie früher abgebrannt. Außerdem …“

„Wollt ihr wohl still sein?“, zischte der Stupses.

Das war ein Aufpasser in rot-weißer Fantasieuniform mit einem langen, gewienerten Holzstab, an dessen Ende eine silberne Kugel angebracht war. Mit diesem stupste er Störenfriede während der Messe an. Daher der Name Stupses. Notfalls zog er sie auch an den Ohren aus der Bank heraus.

„… außerdem war anno 1405 der Dom gar kein Dom sondern eine Bruchbude aus verrottetem Holz, du Blödmann!“, schrie sie Rufus an.

„Klara, du gehst jetzt nach Hause!“, bestimmte der Pfarrer heiser.

„Gott will es so!“, seufzte Klara ergeben.

„Gott ist eben immer auf unserer Seite“, säuselte Rufus mit frommem Augenaufschlag.

Sie hatte es gewusst. Diese Kirche bringt einer Manz nur Unglück. Wäre sie doch nur in Ehingen in St. Moriz geblieben! Ihr war, als sei das verlogene Gottesurteil gegen den brotbeck nicht vor fünf Jahrhunderten, sondern gerade erst gesprochen worden.

 Auf den Tag genau 500 Jahre nach dem ersten Sieg eines von Wildt über einen Manz führte Klara schließlich am großen Festtag mit klopfendem Herzen die Mädchenriege vom Portal zum Altar. Neben ihr schritt Rufus mit breiter Brust. Die Kinder trugen die flackernden Kerzen in sicherem Abstand vor sich her, damit das Wachs nicht auf die Kleidung tropfte. Die Mädchen trugen Margeritenkränzchen auf dem Kopf, die Jungen einen kleinen Blumenstrauß im Revers. Klara schützte ihre Kerze mit der flachen Hand vor dem Luftzug. Es war, als stünde ihre Kerze in direktem Zusammenhang mit jener vor 500 Jahren erloschenen. Würde jetzt auch ihre verlöschen, käme das einem zweiten Gottesurteil gleich, welches das erste bestätigen würde.

Die verfeindeten Verwandten saßen links und rechts des Mittelgangs, säuberlich getrennt, und würdigten sich keines Blickes, denn jeder hatte sein eigenes Zerrbild vom anderen. Und genau auf dieser eisigen Grenze marschierten nun die Heranwachsenden in einer langen Zweierreihe.

Klara zitterte am ganzen Körper vor Aufregung, während sie neben der jüngsten Ausgeburt an Falschheit zum Altar schritt. Zehn Jahre hatte sie Rufus’ Nähe nun ertragen müssen. Das allein war ein Grund, sich auf die Realschule zu freuen. Dort gab es nur „höhere Mädchen“ und Klara würde eines davon sein. Diese Reife würde Rufus nie erreichen, denn eine Schule für „höhere Jungen“ gab es nicht.

Dieser Dom war ein Heimspiel für die von Wildts, deren klerikaler Äther Rufus‘ Gedanken zu Klara trug: „Ich habe dich hierher, an den Ort eurer großen Demütigung gezwungen.“

Später hätte sie nicht mehr sagen können, ob es Rufus‘ Worte oder nur seine Gedanken in ihr gewesen waren. Dieser dunkle Dom ließ die Siege und Schandtaten der von Wildts groß, die ihrer Vorfahren klein werden. Zur Linken saß der übermächtige Pulk des Bösen, zur Rechten das Häufchen der Guten. Jungen und Mädchen drängten sich links und rechts an den Kirchenbänken entlang nach vorne zum Altar, wo Rufus und Klara in sanftem Bogen wieder zusammenkommen mussten. Sie versuchte, sich zu konzentrieren. Kniebeuge, Altarstufen hoch, Kniebeuge, Hostie auf die Zunge, Kniebeuge, halbe Drehung nach rechts, der strunzdumme von Wildt drehte sich natürlich zur falschen Seite und wurde am Kopf vom Pfarrer richtig herum gedreht. Dann nur schnell weg von hier oben, wo alles verkehrt herum erschien …

Nach dem Gottesdienst fand sich die Familie zum Mittagessen im Rössle ein und die falsche Drehung des Rufus von Wildt bot die Vorlage für eine Kaskade aus burlesker Häme. Jeder wusste eine zotige Anekdote aus dem Leben der von Wildts beizusteuern, die alle im Saal natürlich schon kannten und die schon weit vor ihrem Ende johlend beklatscht wurde. Als der Nachtisch gereicht wurde, war man beim Familienklassiker angekommen: dem Streit um das Manz’sche Lehen bei Kalkweil von 1692 bis 1694 – eine Geschichte von Mord und Totschlag.

„Weshalb kämpfen wir so lange um das Lehen? Dort gibt es doch nichts Wertvolles“, fragte Klara ihre Schwester Theresa.

„Das ist doch egal“, schnaubte ihre Schwester. „Alles ist wertvoll, was die von Wildts haben wollen, einfach, weil wir es haben. Frag Vater!“

Also schickte Klara ihre Frage zwischen den hin und herwogenden Wortfetzen auf die Reise zu ihrem Vater: „Was wollen diese elenden von Wildts mit unserem Lehen? Außer rostigem Gras wächst doch dort nichts.“

Das hätte sie lieber nicht sagen sollen. Was folgte, war eine so ausführliche Belehrung über den Unterschied von Rost und Blut, wie nur Josef Anton in der ihm eigenen Gründlichkeit sie zuwege bringen konnte. Das Gras sei nicht rostig, es schwitze vielmehr das Blut der Ahnen aus, die ihr Leben für das Lehen gegeben hätten. Das Lehen gehöre zur Familie wie die Seele zum Menschen. Und natürlich schloss sich die hundertfach erzählte Begegnung zwischen dem Gründer des Lehens, Fuhrmann Michael Manz und dem Raubritter Wild an, der dem Fuhrmann eine Wagenladung Eisen stehlen wollte. Um den Diebstahl zu verhindern, schoss Manz ihm in den Rücken. Leider trug der Mistkerl einen Brustpanzer unter dem Wams und überlebte.

„Und ein Schatz soll dort vergraben sein!“, rief Roswitha. Sie war die Mutter eines Jungen, der überall nur Krüppel Karl genannt wurde. Sie hatte ihn zu Hause gelassen, weil man ihn nicht vorzeigen konnte.

„Und du wirst die Erste sein, Roswitha, die es nicht erfährt, wenn ich ihn gefunden habe“, gab Josef Anton lachend zurück und setzte seinen Bericht fort. „Der Fuhrmann starb im Dreißigjährigen Krieg und ließ seine Frau Anna Maria mit sieben Kindern zurück. Wie damals üblich heiratete sie den nächstbesten Mann, der bereit war, sich in dieser harten Zeit eine Familie aufzuladen. Mit Johannes Laux heiratete sie allerdings nicht nur einen Versorger, sondern auch ein Mitglied der erbfeindlichen Familie. Laux war verwandt mit dem damaligen Bürgermeister von Rottenburg, Johannes Wildt. Als Anna Maria starb, beanspruchte Johannes Wildt das Manz’sche Lehen als Erbe. Daraufhin ließ einer der Söhne der Anna Maria, Johann Adam Manz, das Testament verschwinden und beeidete, es gebe keines. Man stellte seine Aussage nicht infrage, denn er war das einzige Kind, das im Pestjahr 1635 in Rottenburg geboren wurde – er galt deshalb als Lichtgestalt. Seither geht es um das Lehen zwischen den von Wildts und uns blutig hin und her“, endete der Rösslewirt leicht erschöpft.

Trotz der großen Notlage, aus der heraus sie gehandelt hatte, blieb Anna Maria Manz für Klara immer eine Verräterin an der Familie. „Ich würde niemals jemanden gegen meine Gesinnung heiraten“, dachte sie damals und sollte sich damit gewaltig täuschen.

Wie so oft kam an diesem Tag auch das Geheimnis der Seegfrörni des Bodensees zur Sprache. Auserwählte Vertreter von sieben Generationen der Familie hatten bisher bei der Prozession in der Mitte des Sees ein visionäres Erlebnis gehabt. Dreien hatte die Seegfrörni Glück gebracht und vier hatte sie ins Unglück oder in den Wahnsinn getrieben. Josef Anton war unter den Glücklichen. Klara hätte zum Platzen gern erfahren, was genau bei einer solchen Prozession geschah, doch das blieb auch an diesem Tag sein Geheimnis.

Eines Tages würde er das Familiengeheimnis einer jüngeren Person weitergeben müssen und Klara war der festen Überzeugung, dass es niemanden gab, der dazu besser geeignet wäre, als sie. Ihr Bruder Hans hielt das alles für Hokuspokus, und Klara fand, dass nach über 300 Jahren der Stab endlich einmal an eine Frau weitergegeben werden musste. Die gute Theresa kam nicht infrage, denn ihr haftete so etwas wie eine angeborene Jungfernschaft an. Sie war nicht schön, aber klug und hatte immer einen guten Ratschlag parat, wie Klara mit dem Erzfeind Rufus umgehen sollte. Doch Theresas Ehrgeiz war von haushälterischer Sparsamkeit. Sie hatte keinen Bedarf an Geheimnissen. Dagegen hielt sich Klara für diese Aufgabe geradezu berufen.


Wortlos

Mit dem Gefühl unsäglicher Leichtigkeit betrat ich eines Morgens die kleine Wohnung meiner Mutter im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses, um den Nachlass zu regeln. In der Nacht zu diesem 21. Januar 1995 war sie 73-jährig ihrem langen Krebsleiden erlegen. Der Morgen atmete noch ihre lebendige Aura. Ihre Kleider sonderten noch immer den ätherischen Duft ihres Parfüms ab, in der Toilettenschüssel waren Reste des Stuhlgangs zu sehen, in der Küche lag ein angebissenes Brot und im Schrank stapelten sich Medikamente. Jedes lebendige Detail sagte mir – deutlicher, als es ihre ewigen Suaden je gekonnt hatten – dass ich ein schlechter Sohn gewesen war.

Es reute mich!

In dem kleinen Flur hing ihr rosa Mantel, den sie an Weihnachten getragen hatte, als sie sich von Freiburg zu uns nach Frankfurt geschleppt hatte. Ich hatte ihr vor dem Abmarsch zur Mitternachtsmette widerwillig die Schuhe gebunden, weil sie sich selbst nicht mehr bücken konnte, und sie hatte mich barsch angefahren: „Sei doch nicht so bös!“

Ja, ihre Nähe hatte mich böse gemacht. Meine Mutter war immer auf der Jagd nach Schuld gewesen. Schuld war für sie eine Art Währung. Ihre vorwurfsvolle und Mitleid einfordernde Stimme beim wöchentlichen Telefonat hatte mir regelmäßig die Nackenhaare aufgestellt. Es reichten wenige Worte, um meine Stimmung für das ganze Wochenende zu bestimmen, weil sie mit ihren Fingern in meinen Wunden rührte, bis sie zu bluten anfingen. Und wenn sie heulte: „Du bist egoistisch. Dir ist es doch scheißegal, wie es mir geht. Du denkst nur: Wann verreckt sie endlich, die Alte …“, dann brachte mich das zur Weißglut, weil es im Kern nicht ganz falsch war.

Ich kann sie mir noch immer genau vorstellen bei diesen Ausbrüchen. Meine Mutter war eine gute Heulerin. Zuerst legte sie den Kopf in den Nacken, schrie ihr Leid heraus und sammelte die Tränen in den Augenbechern. Dann ruckte der Kopf nach vorne, sodass die angesammelte Tränenflüssigkeit in zartem Strahl auf den Boden fiel, wo sie kleine Pfützchen bildete. Das ließ niemanden kalt, außer mir natürlich, der das Kalkül dahinter kannte.

Mein großes Pfund war, dass ich, obwohl ehelich gezeugt und geboren, ein „unerwünschtes“ Kind war. Darauf liefen die Gespräche meist hinaus und meine Mutter verfluchte mich zum Abschied. Am Montag waren die von ihr geschlagenen Wunden dann verschorft und am Mittwoch begann ich, mich vor dem Telefonat am Samstag zu fürchten.

Jetzt war sie tot und ich für immer der schlechte Sohn, der seine neue Freiheit unsicher abzutasten begann. Ich roch an ihrem Mantel. Ich kann gut riechen, aber schlecht weinen. Wenn es mich überkommt, dann ebenso eruptiv und feucht wie ein Wolkenbruch. An diesem Morgen lag ich schließlich wie ein Embryo auf dem Boden in Mutters Wohnzimmer, die Hände fest im Mantel verkrallt, und schämte mich über meine Heulerei.

Der altdeutsche Eichenschrank, dessen Schwarz hinter der leicht geöffneten Tür mich schon als Kind wie der Höllenschlund vorkam, holte mich schließlich in die Realität zurück. Es war ein hässliches, braunes Monstrum, das jeden verdammten Umzug überlebt hatte. „Der Schrank ist wertvoll. Den musst du unbedingt übernehmen, wenn ich nicht mehr bin!“, echote es in mir. Damals wäre mir das nie in den Sinn gekommen, später aber stand er in meinem Arbeitszimmer.

Schüchtern öffnete ich die Schranktür und fand einen Stapel unterschiedlich alter, in Leder gebundener Mappen vor. Teilweise waren die Deckel mit kunstvollen Ornamenten verziert, teilweise waren sie blankgescheuert. Ihr Inhalt bestand aus alten Handschriften, Inkunabeln ähnlich, teils auf Pergament, teils auf Papier. Zwischen den neueren Blättern lagen Schwarz-Weiß-Fotografien, welche die Eltern meiner Mutter zeigten und vermutlich deren Eltern. Obenauf lag das einzige moderne Fotoalbum. Es dokumentierte das Werden meiner drei Töchter.

An jenem Aprilmorgen wälzte ich viele Seiten und las die eigentümliche Geschichte meiner Familie, die meiner Mutter ihr ganzes Leben lang so wichtig gewesen war. Sie konnte alle ihre Vorfahren bis auf „Mantz den brotbeck“ zurückverfolgen. Dieser war anno 1388 über den Würmlinger Berg bei Rottenburg am Neckar gekommen und hatte einen anderen Mann, den „Wilden“, zum Krüppel geschlagen, weil der ihn nicht durch das Stadttor Rottenburgs lassen wollte. Diese Schlägerei war der Ausgangspunkt einer über 600 Jahre anhaltenden Fehde zwischen der Familie Manz und der Familie von Wildt gewesen. Der Steuerliste von 1394 nach besaß Mantz der brotbeck ein Gesamtvermögen von etwa 480 Pfund Heller. Ich hatte die Liste vor mir liegen und wunderte mich über die Ehrfurcht, die ich dabei empfand. Bisher hatte mich meine Herkunft nie interessiert. Wer wo hin will, muss nicht wissen wo er herkommt.

Beim Lesen stieß ich bald auch auf den sagenumwobenen Streit um das Manz’sche Lehen von 1694. Es kam mir vor, als habe dieser Streit auf irgendeine fatale Weise mit meinem eigenen Leben zu tun, als müsse ich dieses Lehen noch heute verteidigen, ja als sei ich gar selbst einer der Streitenden von damals.

Man munkelte in diesem Bericht von einem geheimnisvollen und sehr wertvollen Schatz, den der Fuhrmann Michael Manz um 1599 auf dem Lehen vergraben hatte, um ihn vor Dieben zu schützen. Raubritter von Wildt hatte wohl zuvor versucht, dem Fuhrmann eine Wagenladung Eisen zu stehlen, woraufhin dieser ihm in den Rücken geschossen hatte. Neben dem Text war ein Rechteck gezeichnet, das mit einer wirren Abfolge von Buchstaben gefüllt war. Ein Sinn war für mich nicht zu erkennen.

Als ich den Stapel weiter durchsah, stieß ich auf Großmutters Tagebuch, in das zahllose in Sütterlin beschriebene Seiten, Briefe und Fotografien eingelegt waren. Ahnungslos blätterte ich die Seiten durch. In der Mitte der Mappe blieb ich an einem Satz hängen:

„… und so bin ich wahrhaft die Einzige, die weiß, wie der Große Krieg wirklich entstanden ist. Ein braver Mann musste wegen mir sterben und mein Schicksal will es, dass ich seinen Mörder heiraten muss. Der liebe Gott und alle Heiligen mögen mir beistehen.“ Ich erschauderte. Meine von Osteoporose gebeugte, zum Ende ihres Lebens immer kleiner gewordene Großmutter, dieses zarte Gebilde mit dem für meine Familie so symptomatischen, hysterischen Anflug, ausgerechnet sie soll in den Ersten Weltkrieg verstrickt gewesen sein? Sie überhaupt nur mit einem Krieg in Verbindung zu bringen, war undenkbar. Und wer sollte der Mörder sein, den sie geheiratet hatte? Mein Großvater Ludwig doch nicht, unmöglich! Jede Seite, die ich damals nach dem Tod meiner Mutter gelesen habe, sehe ich heute noch wie eine Fotografie vor mir.

Ich zog eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus der Mappe, die meine Großmutter als junges Mädchen zeigte. Sie saß auf einem Stuhl mit einem Buch in der Hand. Die Pose sah unnatürlich aus. Als ich das Bild umdrehte, las ich dort, in kindlicher Schrift geschrieben, „Klara Manz“. Das „Manz“ war durchgestrichen und in wuchtigen Buchstaben ersetzt worden durch „von Traunstein“.

Diesen Namen hatte ich noch nie gehört. Ich überflog einige Briefe in fremder Handschrift und kam zu dem Schluss, dass die Behauptung meiner Großmutter, über den Kriegsausbruch von 1914 genauestens Bescheid zu wissen, wohl nicht ganz abwegig war. Es hatte tatsächlich einen Herrn von Traunstein in ihrem Leben gegeben. Nun war meine Neugier erwacht und ich begann, ihr Tagebuch von vorne zu lesen.

„Ich heiße Klara und bin die Frau von Ludwig, dem Helden von Albanien und Retter des Schwarzwaldes. Das ist keineswegs normal und eigentlich nicht richtig …“

Dieser merkwürdige erste Satz ließ darauf schließen, dass meine Großmutter ihr Tagebuch im Nachhinein verfasst hatte. Und wenn sie in Wahrheit gar nicht Ebi hieß, musste sie mehr als ein Leben geführt haben. Das war nicht die Großmutter, die ich gekannt hatte.

Für einen Autodidakten wir mich, der jede Gebrauchsanweisung, vom Rasierer bis zum Kernspintomografen, von vorn bis hinten liest und sich  einprägt, konnte es ab jetzt kein Halten mehr geben. Die Zeit blieb stehen. Wie von selbst erfassten meine Augen alles Geschriebene, jedes Foto. Seite für Seite speicherte sich in meinem Gedächtnis.

Ich kann nicht gut vergessen, weil ich ein fotografisches Gedächtnis besitze. Mal ist es eine Last, mal ein Segen. Jedenfalls hilft es mir jetzt, mich an alles zu erinnern, was vor meinem Blackout gewesen ist. Wenn ich meine Gedanken in Bahnen zwinge, wird mich das hoffentlich davon abhalten, immerzu im Kreis über mein Schicksal nachzudenken und darüber hysterisch zu werden. Und wer weiß – vielleicht führt es mich sogar hinter das Geheimnis meines untoten Daseins. Wenigstens halte ich mit dem Erinnern mein EEG auf Trab, was mir Überlebenszeit sichert.

Das letzte, an das ich mich erinnern kann, ist ein Gefühl tiefer Erleichterung. Mutter ist tot. Wer Probleme aussitzen kann, sieht eines Tages die Leichen seiner Feinde vorbeischwimmen. Ich habe meine Mutter ausgesessen!


Hitze

Nach der Kommunion durfte Klara endlich die Realschule besuchen und war erleichtert, dass sie Rufus nicht mehr auf Schritt und Tritt begegnete. Und doch konnte sie ihn nicht völlig meiden. Wenn sie auf dem Heimweg von der Schule am Dorfbrunnen vorbeikam, lauerte er ihr hin und wieder auf. So auch an diesem Tag im Mai 1911. Klara beobachtete gerade gedankenverloren die Menschen, die sich häufig am Dorfbrunnen trafen: die Dorfjugend und allerlei Gesindel. Der verkrüppelte Karl von den Gerberhäusern unterhielt sich mit einem Schlitzohr. Man konnte das geschlitzte, rechte Ohrläppchen unter der schwarzen Schildmütze genau erkennen. Der junge Mann war Handwerksbursche gewesen und hatte offenbar seinen Meister betrogen. Wurde einer seiner Zunft bei einem solchen Vergehen erwischt, nahm man ihm den Wanderstab ab und riss den Ohrring heraus. Fortan konnte man das Vergehen am zerfetzten Ohrläppchen ablesen. Schlitzohrigkeit war damals nicht nur ein Charakterzug.

Die beiden passten gut zusammen. Zwei Verstoßene, zu denen man Abstand hielt. Krüppel Karl wollte man auch deshalb nicht zu nahe kommen, weil er ständig den Rotz mit dem Handrücken oder dem Ärmel abwischte. Wäre Karl nicht ein entfernter Verwandter von Klara gewesen, hätte sie Mitleid mit ihm gehabt. So jedoch schämte sie sich für ihn.

„Na, kleine Manz, du willst wohl Verwandte besuchen.“

Rufus stand plötzlich hinter ihr, grinste höhnisch und nickte in Richtung Krüppel Karl. Es war keine Kunst, Klaras Gedanken zu erraten. Gefühle aus dem Gesicht zu halten, erforderte Selbstdisziplin, die Klara nicht besaß.

„Es zieht einen eben immer dorthin, wo man herkommt“, fuhr Rufus fort. „Deine Vorfahren haben doch in den Gerberhäusern gehaust, nicht wahr?“

Damit hatte er recht. Die Vorfahren der Familie Manz waren Rotgerber gewesen und hatten am  Stadtrand gewohnt. Wegen des Gestanks nach fauligen Überresten an den Tierhäuten wollte man die Rotgerber damals nicht in der Stadt haben. Und weil sie zum Gerben der Häute den Urin der Bevölkerung sammelten, galten sie lange Zeit überdies als unehrlich.

Inzwischen verrotteten die Gerberhäuser zu einer Art Armensiedlung. Dort dampfte die Hoffnungslosigkeit aus den Zimmern wie der Geruch von Kohlsuppe aus den Küchen. In den Dachrinnen wuchsen kleine Bäume, und Gras hing wie ein fransiger grüner Teppich von den löchrigen Dächern herunter. Diese Gegend war geronnene Traurigkeit. Klara ärgerte sich über Rufus‘ Frechheit, doch insgeheim empfand sie auch ein klein wenig Stolz auf ihre Herkunft. Schwester Philothea hatte schon im Kindergarten immer gesagt, dass Armut keine Schande sei, und Klara wurde nun klar, was das bedeutete: Armut war immer auch die Chance zum Aufstieg, und Klaras Familie war aufgestiegen. Wohin sollte ein Rufus von Wildt noch aufsteigen?

„Ja, meine Familie hat hier gelebt“, entgegnete Klara stolz. „Aber wir haben uns hochgearbeitet und haben uns den Adelsstand verdient. Du hast nichts geleistet, sondern bist einfach in den Adel hineingeboren worden!“

„Ach nee? Und was für ein Adel soll deiner denn sein?“, fragte Rufus höhnisch.

„Geldadel natürlich! Ohne uns könnte der Kaiser keine Flotte aufbauen. Nach den verarmten von Wildts kräht doch kein Hahn.“

„Hohler Stolz von Zu-kurz-gekommenen!“, pfiff Rufus ihr entgegen und machte sich davon.

Diese Wortgefechte wiederholten sich tagein und tagaus. Mal gewann Klara, mal Rufus. Jede Beleidigung war eine Schippe Kohle ins Feuer, die den Groll am Lodern hielt. Theresa versuchte häufig, Klara zu beruhigen. Sie solle sich nicht so aufhetzen lassen und dabei am Ende noch etwas Unüberlegtes tun. Klara wusste, dass ihre Schwester recht hatte, aber sie konnte ihren Groll nicht unterdrücken.

Wenn sie an Rufus dachte, bekam sie Herzrasen. Was in den Wortgefechten die bessere Antwort gewesen wäre, fiel ihr immer erst vor dem Einschlafen ein und hielt sie wach. Dann redete und disputierte sie in Gedanken, bis sie ihn kleingekriegt hatte. Bei der nächsten Begegnung ging alles wieder von vorne los.

Wer grollte, hatte eben nicht nur ein gutes Gedächtnis, sondern auch Einschlafstörungen. Und je länger der Groll anhielt, desto stärker wurde er. Über jede zeitliche Distanz entstand zwangsläufig irgendwo eine Sollbruchstelle, und der Tag, an dem sie gesprengt wurde, kam unweigerlich.

Allen Streitigkeiten zum Trotz schien das Jahr 1911 ein prächtiges Jahr  zu werden – das meinte man bis zum Frühsommer zumindest. Im Juni setzte sich ein stabiles Hochdruckgebiet über Mitteleuropa fest und trieb die Temperaturen sogar im herben Rottenburg auf über dreißig Grad.

„Das wird ein guter Jahrgang werden“, freute sich Klaras Vater, der Rösslewirt, und dachte dabei an die Traubenlese im Herbst.

Zu jener Zeit überreichte in Bad Kissingen der deutsche Außenminister dem französischen Botschafter eine Note, in der in scharfer Form ein Ausgleich für die Kolonialisierung Marokkos gefordert wurde. Der Kaiser wollte die Unterwerfung Nordafrikas durch die Franzosen nicht kommentarlos hinnehmen und forderte ein Stück des Kuchens für das Reich. Klara hielt dieses Ereignis in ihrem Tagebuch fest und erinnerte sich an den Stolz, den sie dabei fühlte. Sie fühlte sich wohlig und geborgen unter der Obhut ihres Kaisers, der sich um das Wohl des Landes kümmerte. In einem so starken Land konnte man sich sicher fühlen, das war ihre feste Überzeugung.

Deutschland war zu einem ernsthaften Konkurrenten für das britische Weltreich geworden und hatte Russland und Frankreich wirtschaftlich abgehängt. Der Kaiser forderte also nicht mehr als das, was einer Weltmacht wie Deutschland zustand. Blickte man durch das enge Fenster der Berichterstattung in die Welt hinaus, so sah man das Reich in breitem Schritt auf der Weltkugel stehen. Dass es auch jede Menge Unzulänglichkeiten gab, lastete man nicht dem Kaiser an. In Preußen zum Beispiel gab es damals immer noch das Dreiklassenwahlrecht. Aber Preußen war weit weg. Meinungs- und Pressefreiheit waren eingeschränkt, aber auch das schien nebensächlich. Eigentlich gab es nichts Grundsätzliches zu kritisieren.

Weil die hochsommerlichen Temperaturen sich hartnäckig hielten, ließ die gleißende Sonne im Rottenburger Stadtbrunnen grüne Algen wachsen. Wenn die Hitze gegen Abend nachließ, konnte man Rufus auf seinem neuen Fahrrad beobachten, welches er seinen Kameraden immer wieder stolz vorführte, während er vergeblich nach Klara Ausschau hielt. Klara saß in ihrem Zimmer und ärgerte sich über sich selbst, weil sie sich wegen Rufus nicht auf die Straße traute. Sie hätte liebend gerne mit Theresa das aufgeheizte Gebäude verlassen und wäre in der abendlichen Frische am Neckarufer entlanggeschlendert. In Ehingen hätte man in der kühlen Sankt-Moritz-Kirche sitzen können, um den freudenreichen Rosenkranz zu beten. Das musste sie nun mit Theresa und der Mutter vor dem Hausaltar tun, was längst nicht dasselbe war.

Der Juli 1911 brachte mit 37 Grad einen neuen Hitzerekord und ein Ende der Hitzewelle war nicht abzusehen. Der Dorfbrunnen versiegte, die Getränkepreise stiegen und Klaras Vater machte das Geschäft seines Lebens. Das Wasser wurde knapp und man stillte den Durst mit teurem Wein, der zu noch mehr Durst führte. Josef Anton mietete sich eine Droschke und versorgte die Bevölkerung eifrig mit seinem Durstmacher. Für sein Geschäft war die Hitze ein Segen und die kommende Ernte versprach, ein Jahrhundertwein zu werden.

In diesem Monat schickte der Kaiser das Kanonenboot „MS Panther“ nach Agadir in Marokko, wo es aggressiv die Kanonen reckte und damit eine Riesenaufregung auslöste. Zum ersten Mal war von Krieg die Rede. Klara beeindruckte das nicht. Sie hatte ihre siebzehn Lebensjahre in einer Friedenszeit verbracht, die ihr immer als die absolute Ausnahme erklärt worden war. Jedes Volk bedürfe ab und zu der Reinigung durch einen Krieg, hatte man sie gelehrt. Nur der umsichtigen Friedenspolitik des Kaisers sei die anhaltende Friedensperiode zu verdanken. Und eben jetzt sei es wieder mal an der Zeit, Stärke zu zeigen. Deshalb das Kanonenboot, deshalb das Aufheulen der Entente Cordiale.

Tatsächlich wurde das Kanonenbootmanöver ein großer Erfolg. Man überließ dem Deutschen Reich eine weitere Kolonie von etwa 200 000 Quadratkilometern. Während sich Klara darüber erwartungsgemäß freute, hatte ihr um fünf Jahre älterer Bruder Hans über das Gelingen der Aktion eine andere Meinung. Er lag zu jener Zeit in Garnison bei Ulm und vertrat stets eine andere Meinung als der Rest der Familie.

„Man hat den Kaiser mit einer Teetasse voll Wüstensand ruhiggestellt“, schrieb er aus Ulm. „Dort gibt es nur Skorpione und Vipern. Vielleicht kann man die demnächst in unserem Kolonialwarenladen kaufen. Dafür hat man die Entente aufgeschreckt – ein toller Erfolg!“

Der Rösslewirt schäumte, als er das las, und schimpfte seinen Sohn einen vaterlandslosen Gesellen. In einem Punkt allerdings gab er ihm recht: „Unsere Feinde sind jetzt gewarnt. Ein Manz hätte in aller Stille aufgerüstet und dann ohne Ansatz zugeschlagen!“, sprach er.

Auch in der schwitzigen Gaststube des Rössle war die Kanonenbootpolitik des Kaisers das Gesprächsthema. Endlich habe der Kaiser einmal auf den europäischen Kartentisch gehauen, hieß es dort.

„Der Franzose ist uns weit unterlegen. Der wird es nicht wagen, gegen uns anzutreten. Nun ist er jedenfalls gewarnt“, lachte Wurm grölend.

„Eben“, sagte der Rösslewirt vorsichtig. Bei Bauer Wurm musste man seine Zunge im Zaum halten. Es war bekannt, dass er alles an die von Wildts weitertrug.

„Ein Krieg gegen den Franzmann liegt doch auf der Hand. Da muss man doch nicht heimlichtun“, rief Wurm dann und erntete beifälliges Nicken. „Der Franzmann spinnt Intrigen, weil er das am besten kann. Er verbündet sich mit allem und jedem, weil er das Elsass zurückerobern will. Der Franzmann will uns einschnüren.“

„Aber unser Kaiser ist doch mit allen verwandt“, rief Hagelmeter vom Tisch gegenüber. „Die englische Königin Viktoria war doch seine Großmutter, König Eduard und Zar Nikolaus sind seine Vettern. Die werden sich doch vom Franzmann nicht gegen den Kaiser einnehmen lassen!“

Hagelmeter war der Vater von Adolf „der Tulpe“, Eugen „der Lippe“ und Jakob „dem Umwerfenden“. Er bewirtschaftete einen kleinen Hof und seine Frau, die Hagelmeterin, verkaufte die Erzeugnisse auf dem Markt.

„Mensch Hagelmeter, du bist doch auch mit mir verwandt!“, lachte der Rösslewirt trocken, der genau wusste, wie seine eigenen Verwandten über ihn dachten. „Normale Verwandte packen die Regenschirme weg, wenns regnet, und schenken einem Kuckuckseier zum Geburtstag.“

Klara lehnte hinter dem Tresen und stützte den Kopf auf beiden Händen ab. Politische Diskussionen langweilten sie. Theresa stand neben ihr und reinigte dienstbeflissen die Gläser mit Wasser aus dem Neckar, was wegen der drohenden Choleragefahr verboten war. Um nicht erwischt zu werden, wurden Klara und Theresa immer in der Dunkelheit zum Wasserschöpfen an den Fluss geschickt.

„Was meinst du, Rösslewirt, wird es zum Krieg kommen? Du weißt doch immer alles“, fragte Wurm.

„Natürlich wird es früher oder später Krieg mit den Franzosen geben“, antwortete er mit einem Blick über seine Gäste, der Wurm ebenfalls kurz streifte. „Aber auf keinen Fall zwischen August und Oktober, wenn der Kaiser auf seiner Jacht in Norwegen Urlaub macht. Tradition geht vor Krieg!“

„Wilhelm der Plötzliche wird nie Zeit für einen Krieg gegen den Erbfeind haben. Der reist viel zu gerne in der Weltgeschichte herum“, rief Wurm verächtlich.

„Holla, gehts um hohe Politik?“, rief eine heisere Stimme und Hermann Faber betrat das Gasthaus.

Faber war der Dorfpolizist, dessen Pickelhaube mit der Messingspitze jedem Respekt einflößte. Er legte sein Signum der Macht auf den Tresen und wischte mit Theresas Geschirrtuch den Schweiß von seinem kahlen Kopf. Sengende Hitze und Durst hatten seinen Weg in die Königstraße Nummer 68 gelenkt und er wollte nun beim Rösslewirt mit einem Bier den Flüssigkeitsmangel beheben. Die Bäckergesellen, die hier ihre Zunftstube hatten, rückten willig beiseite und machten dem beleibten Faber Platz.

„Dass mir keiner das Wasser aus dem Neckar säuft“, sagte er mit erhobenem Finger. „Zwei Cholerafälle sind genug.“

Klara stierte angespannt zu Boden und war erleichtert, als nach einem Moment der Stille die Gespräche langsam wieder in Gang kamen, und das Thema Cholera nicht weiterverfolgt wurde. Strategien, wie man Frankreich niederschlagen konnte, wurden ersonnen und wieder verworfen, Kampfkraft, Schussweite und Treffsicherheit wurden verglichen und die deutsche Disziplin gewürdigt, bis die Hemden der Männer nass geschwitzt waren. Klara fiel wieder in ihre lethargische Haltung zurück.

„Ich glaube, der Kaiser will gar keinen Krieg, der tut nur so“, sagte Hagelmeter und erzeugte damit eine betroffene Stille.

„Wie, der tut nur so?“, fragte Faber verblüfft.

„Ich meine, Bismarck hat doch gesagt, Deutschland sei statuiert …“

„Ich glaube, das heißt saturiert“, verbesserte Klara gelangweilt.

„Aufgepasst, beim Rösslewirt haben die Weiber das Sagen!“, lachte Wurm. „Wie alt bist du, kleine Klara?“

„Siebzehn Jahre, Herr Wurm.“

„Und schon so klug …“, nickte Wurm und starrte unverschämt auf Klaras Brüste.

Hans, der Bäckergeselle, konnte die lüsternen Gedanken des Alten erraten und legte die Stirn in Falten. „Der alte Mistkerl hatte kein Recht, ein junges Mädchen so anzustarren“, dachte er.

„Egal, wie das heißt“, wischte Hagelmeter Klaras Einwurf achtlos beiseite. „Wir haben doch alles. Weshalb sollten wir gegen Frankreich ziehen?“

„Wir nicht, aber die gegen uns!“, rief Faber empört. „Die wollen das Elsass zurück. Aber die Elsässer gehören zu uns, die reden nämlich deutsch.“

„Und ich glaube, das Gerede vom Krieg ist die Folge davon, dass die Menschen im Frieden und Wohlstand Kraft angesammelt haben, überschüssige Kraft, die nun Beschäftigung sucht“, ereiferte sich Hagelmeter. „Wir sollten Pyramiden bauen, statt Krieg zu führen …“

Der alte Wurm starrte noch immer auf Klaras Brüste. Bäckergeselle Hans sah seine Chance gekommen, sich vor Klara groß zu tun und meldete sich lautstark zu Wort. Wurm sei hinter fremden Weiberröcken her, warf er seinem Gegenüber vor. Der verteidigte sich schmallippig, was denn einem Jungchen wie Hans einfiele, sich so im Ton zu vergreifen. Ein Wort gab das andere und bald verschwammen die verschiedenen Diskussionen im Raum zu einer gewaltigen Wortwolke. Dann schallte die erste Ohrfeige. Auf Ohrfeige folgte Faustschlag, auf Faustschlag folgte eine handfeste Prügelei. Faber drehte sich zum Tresen, um die Pickelhaube aufzusetzen. In dem Moment wirbelte ein Fausthieb von Wurm den Bäckergesellen um die eigene Achse und schleuderte ihn mit großer Wucht auf den Tresen. Die Hand des jungen Mannes suchte Halt und wurde von der Pickelspitze durchbohrt. Augenblicklich trat Stille ein. Der Rösslewirt packte Hans an Kragen und Hosenbund und warf ihn, samt angehefteter Pickelhaube, durch die Tür. Andere folgten, denn niemand wagte, dem Mann in seinem Furor die Stirn zu bieten.

Als alles vorbei war, stand Klara immer noch an ihrem Platz, verblüfft, abgestoßen, aber auch fasziniert von dem schweißigen Gewaltausbruch. Theresa hatte sich hinter dem Tresen verkrochen und ihren Kopf in die Schürze gepresst. Gewalt und Abwehr in diesem Szenario waren von einer eigentümlichen Eleganz gewesen, von der Klara den Blick nicht hatte abwenden können. Wie gebannt hatte sie alles beobachtet und registriert, dass diese Prügelei zwischen erwachsenen Männern etwas gänzlich anderes war als die Rangeleien zwischen Jungen. Vielleicht war es der archaische Mensch, der plötzlich hinter der zerbrochenen Firnis anerzogener Contenance zum Vorschein gekommen war, und der sie verblüffte. Vielleicht war es auch das Erschrecken darüber, wie leicht die Erwachsenen, die es eigentlich besser wissen müssten, die Haltung verloren. Einen kurzen Moment lang hatte sie sogar Angst um ihren Vater gehabt. Und irgendwo, ganz tief in ihr, hatte ihr Respekt vor ihm einen Kratzer bekommen. So wollte sie den eigenen Vater nicht sehen.

Mit der eingekehrten Stille drang der Geruch der säuerlich milchigen Ausdünstungen der Männer in Klaras Bewusstsein.

In diesem Moment sagte Theresa: „Du bist nicht normal …“

Sie hatte Klara dabei beobachtet, wie sie die Prügelei betrachtet hatte.

Nichts war mehr normal in jenem Sommer 1911. Im August überschritt das Thermometer die Vierzig-Grad-Grenze. Das hatte noch keine Generation zuvor im alten Vorderösterreich erlebt. Weitere Brunnen versiegten, die Menschen gruben eigenhändig nach Wasser und trugen die Cholera ins Haus. Zigtausend Säuglinge trockneten aus und starben. Sogar der verkrüppelte Karl von den Gerberhäusern traute sich ins Haus der Familie Manz und fragte bei Klara um einen Eimer Wasser an.

„Verschwinde, du Rotzlöffel“, zischte Klara. „Wir haben selbst kein Wasser mehr.“

„Aber unsere kleine Anna …“, setzte er zögernd nach.

„Da hast du eine Flasche Wein. Und jetzt mach dich davon“, rief sie entnervt.

Klara wusste sofort, wie herzlos sie gewesen war, und sie wollte sich nur wenige Minuten später entschuldigen, aber Krüppel Karl war schon wieder verschwunden. Klara verfluchte diese unerträgliche Hitze, der sie ihre Lieblosigkeit anlastete. Sie verfluchte Rufus, der sie davon abhielt, auf die Straße zu gehen. Klara litt unter dieser flirrenden Langeweile, die jede Arbeit zu einem lustlosen Klopfen an hohlen Gefäßen machte. Ihrer Schwester Theresa in der Gaststube zu helfen, war unter der Würde eines höheren Mädchens und als solches fühlte sie sich nun einmal.

Um am Samstag wenigstens nicht ihre Faulheit beichten zu müssen, arbeitete Klara ihre Schulbücher für das kommende Schuljahr durch, schlief jedoch immer wieder darüber ein. In den anderen Stunden stöberte sie den Inhalt der Schränke in ihrem Zimmer durch. Dabei stieß sie eines Tages auf etwas, das ihre Langeweile für eine geraume Zeit zurückzudrängen vermochte.

Klaras Vater war ein leidenschaftlicher Geschichtensammler und benutzte den Boden von Klaras Schrank als Ablage für seine Fundstücke und Familiendokumente. Klara fand eine französische Originalhandschrift. Die hatte ein Edelmann, Prinz de Conté, im Jahre 1822 verfasst. Er beschrieb darin den Morgen vor der Schlacht von Waterloo. Der große Napoleon war wohl ein Freund des ausgiebigen Frühstückens gewesen. An jenem Morgen soll die Mahlzeit bis zehn Uhr gedauert haben. Der Schreiber war der Meinung, hätte Napoleon auf sein Frühstück verzichtet und vier Stunden früher zugeschlagen, wäre Blücher am Abend keine Chance zum Eingreifen geblieben und Napoleon hätte die Schlacht gewonnen.

Ein weiterer Brief, der von dem nach Amerika ausgewanderten Paul Manz stammte, berichtete von der Schlacht bei Gettysburg anno 1863. Die Entscheidungsschlacht des amerikanischen Bürgerkriegs bei Gettysburg sei wegen schlechter Schuhe in Gang gekommen, schrieb er. Die schlecht ausgerüsteten Südstaatler hatten verrottetes Schuhwerk und in Gettysburg gab es Schuhfabriken. Mit der Aussicht auf neue Schuhsohlen habe sich der ansonsten so umsichtige General Lee in eine Schlacht auf ihm unbekanntes Terrain ziehen lassen und deshalb Schlacht und Krieg verloren.

Klara schüttelte ungläubig den Kopf. Krieg war Männersache, und Klara meinte, Entscheidungen fußten immer auf rationalen Erwägungen. Dass die Entscheider sich in einer Situation, in der es um viele tausend Leben ging, von primitiven, menschlichen Bedürfnissen leiten ließen, hielt sie für dermaßen verantwortungslos, dass ihr ganzes Männerbild gewaltig ins Wanken geriet. Vielleicht waren die Mannsbilder gar nicht die Blüte der Schöpfung und maskierten ihr eigenes Versagen gerne mit dem Zufall, was bereitwillig von den Geschichtsschreibern übernommen wurde. Die Wahrheit verschwand dann in irgendeinem Schrank im Mädchenzimmer …

In Klaras Schrank gab es auch neuere Zeitungen. Ein Artikel handelte von einem jungen deutschen Patentbeamten dritter Klasse aus Zürich, der 1905 Bahnbrechendes über den Zeitenlauf herausgefunden haben wollte. Mit zunehmend gleichförmiger Beschleunigung verlaufe die Zeit langsamer, behauptete er. Klara musste lachen. Eine Sekunde dauerte immer eine Sekunde, ob in der Droschke oder in der Eisenbahn. Über was sich diese nach Ruhm süchtigen Männer alles Gedanken machten!

Ein anderer Artikel interessierte Klara weitaus mehr. Er beschrieb die Erfindung eines Friseurs, die ein Jahr zuvor von England über den Kanal auf den Kontinent herübergeschwappt war: die Ondulierungsmaschine. Damit konnte man Dauerwellen machen, die deutlich länger hielten als die mit Eiweiß gehärteten Haarwellen.

Als Klara den Schrankinhalt zu Ende gelesen hatte, war die Hitze noch immer unverändert groß. Die Aussicht, wieder in unerträglicher Langeweile zu Hause zu sitzen, war Klara derart zuwider, dass sie all ihr Erspartes zusammenlegte und sich auf den Weg zum Friseursalon Lambrecht machte. Dauerwellen mussten ihr die Ödnis der Hitze versüßen, koste es was es wolle. Über drei Stunden hing sie wie eine Marionette an 24 elektrischen Leitungen, die in 24 Lockenwicklern mündeten. Zu den 40 Grad Außentemperatur addierten sich weitere 20 Grad von den Lockenwicklern. Der Schweiß rann an der Rückenlehne herunter und sammelte sich auf dem Ledersitz. Sie hatte das Gefühl, in einer nassen Windel zu sitzen. Der Durst wurde unerträglich. Friseur Lambrecht verlangte eine Mark für ein Glas abgekochtes Wasser. Eine Mark!

Während sie auf dem Friseurstuhl saß, erzählte der Friseur ohne Unterlass von der Entwicklungsgeschichte der Onduliermaschine, die Karl Ludwig Nessler aus Todtnau erfunden hatte und die ihm jetzt in London Millionen einbrachte.

„Der hot‘s gschafft …“, sagte Lambrecht bewundernd nach jedem Satz.

„Ned anderscht, Herr Lambrecht, ned anderscht,“ gab Klara zurück – nur um irgendetwas zu sagen. Dann plötzlich hielt sie das Föhnen nicht mehr aus. Sie sprang auf, warf Frau Lambrecht die fünf Mark für die Dauerwelle auf den Geldsammler und stürmte grußlos mit halb nassen Haaren auf den Marktplatz ins Freie. Die Hitze des Tages erschien ihr in diesem Moment erträglicher als die im Fegefeuer der Eitelkeit.

Trotz der Mittagszeit war der Marktplatz menschenleer und totenstill. Die Hitze hatte alles Leben weggebrannt. Klara wäre gerne am Neckarufer entlanggeschlendert, um nach vierstündiger Gefangenschaft im Friseursalon ihre aufgestaute Aggression herauszulaufen. Doch der Durst trieb sie nach Hause.

Dort wurde Klara neugierig empfangen. Erna, das Hausmädchen, schlug begeistert die Hände zusammen und strich mit sanften Wellenbewegungen an den neuen Dauerwellen entlang. Die Mutter beobachtete alles kurz und überschlug sofort in Gedanken die Kosten für die „Permanent wave“. Vielleicht sollte sie den Friseursalon auch einmal aufsuchen? Die Augen des Vaters sprangen unschlüssig von Klaras Gesicht zu ihren Haaren hin und her als suchten sie einen Halt, an dem sie die Veränderung in Klaras Gesicht definieren konnten.

Theresa blieb wie immer nüchtern. Sie deutete ein Kopfschütteln an, das heißen sollte: „Ist das nicht ein wenig übertrieben?“

Hans verzog verächtlich den Mund und meinte: „Für das Geld hätte man vier Kinder vor dem Verdursten retten können.“

„Und? Hast du heute schon ein Kind gerettet?“, fragte Klara scharf zurück.

„Ich denke wenigstens daran.“

„Die Kinder werden es dir sicher danken“, sagte Klara schnippisch und wusste gleichzeitig, dass er natürlich recht hatte. Aber die Ödnis des Alltags war so schwer zu ertragen, dass man sich nun einmal irgendwie darüber hinwegretten musste. Und das mit Schönheit zu tun, war sicher nicht das Schlechteste.

Kurz später wurde das Abendessen serviert und wie immer schweigend von der Familie eingenommen. Der Rösslewirt bestand darauf, dass während des Essens nicht gesprochen wurde. Erst wenn der Vater beim Nachtisch zur Zeitung griff, war freies Reden erlaubt. Klara nutzte die Stille, um weitere Argumente für ihre Dauerwelle zu ersinnen. Was hatte sie mit den durstigen Kindern zu tun? Sie konnte doch nichts für die Hitze.

Auch Hans hatte in Gedanken offenbar die Diskussion vom Nachmittag weitergesponnen, denn kaum hatte der Vater die Zeitung in der Hand, schoss es aus ihm heraus: „Es ist eine Schande, wenn in einer zivilisierten Nation Kinder verdursten, weil Sommer ist. Aber für Krieg ist immer Geld vorhanden. Wenn wir erst die Macht im Reichstag haben, wird sich das ändern!“

Mit diesen Worten hatte Hans wieder einmal die Weichen für einen veritablen Familienkrach gestellt. Seit er in die Sozialdemokratische Partei eingetreten war, entluden sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Vater beinahe nach jeder Mahlzeit.

„Wir werden die Verfassung ändern und eine richtige Demokratie werden“, setzte er laut genug hinzu, dass es der Vater hören konnte.

„Ich weiß nicht, was du eigentlich willst“, schnaubte dieser und legte die Zeitung beiseite. Hans hatte erreicht, was er wollte: Der Vater war auf ihn angesprungen.

„Wir sind doch so gut wie eine Demokratie. Der Kaiser muss sich an die Beschlüsse des Reichstags halten, ob er will oder nicht. Du darfst deine Meinung herausplärren. Mehr Demokratie geht nicht“, sagte er.

„Aber er bestimmt den Reichkanzler und kann ihn nach Gutdünken entlassen. Außerdem gibt es in Preußen noch das Dreiklassenwahlrecht“, konterte Hans.

„Streitet euch doch nicht ständig“, ermahnte die Mutter ihre beiden Männer. „Es gibt kalte Schale zum Nachtisch.“

Hans verzog den Mund. Er mochte kalte Schale nicht, niemand mochte sie. Doch in diesen Zeiten wurde sogar der Nachtisch der Hitze angepasst. Als Erna servierte, nahm Hans allen Mut zusammen und verkündete: „Anfang September fahre ich mit den Parteigenossen zur Großdemonstration nach Berlin!“

„Zu einer Demonstration?“, rief die Mutter entsetzt.

„Mit den Sozis, diesen vaterlandslosen Gesellen“, gab Klara ihr angelesenes Wissen zum Besten.

„Nach Berlin!“, stöhnte der Vater auf, dessen geografisches Vorstellungsvermögen abrupt nördlich und östlich von Rottenburg endete. Jenseits davon hausten die verkniffenen, schaffigen, evangelischen Schwaben. Ihr Gebiet war „Terra incognita“. Das wenige Kilometer entfernte Tübingen kannte man nur vom Schulunterricht – kaum jemand in Rottenburg hatte jemals die Religionsgrenze nach Schwaben überschritten. Doch Berlin war noch viel weiter weg, eine fremde Insel im Reich, die für die Eltern eigentlich gar nicht zum Land gehörte. Ihr Land war der Süden. Wer nach Berlin ging, war verloren.

„Du willst also tatsächlich den Bürgerkrieg!“, flüsterte Vater heiser.

„Nein, Vater. Wir demonstrieren für den Frieden und gegen militärische Abenteuer. Wir wollen, dass der Reichstag den Reichskanzler wählt und dass alle dasselbe Stimmrecht haben, auch die Frauen.“

„Ach Hans, was du dir da träumst. Wir Frauen verstehen doch nichts von Politik …“, sagte die Mutter. „Oder was meinst du, Erna?“ Sie schaute zu dem Hausmädchen, das mit nach hinten verschränkten Armen neben der Esszimmertüre auf Anweisungen wartete.

„Soll ich den Portwein servieren?“, fragte Erna pflichtbewusst.

„Davon bekomme ich ja noch mehr Durst“, seufzte Klara und setzte versonnen hinzu: „Also ich würde schon mal gerne wählen gehen. Allein schon, um zu wissen, was dabei so geheimnisvoll ist. Und ich würde sicher einen guten Kandidaten aussuchen.“

Der Vater brummte missmutig: „Das würde doch eine Versammlung von Gigolos werden. Ihr Frauen wählt nach dem Aussehen. Ihr habt doch keine Ahnung, worauf es ankommt.“ Zu Hans gewandt sagte er: „Und gleiches Stimmrecht für alle, das heißt doch auch, dass die Stimme von Krüppel Karl und meine gleich viel wert sind. Ich zahle Steuern, bin gebildet und kenne mich in der Welt aus. Der Krüppel Karl kann kaum seinen Namen schreiben und lebt von meinen Steuern. Das kann doch nicht gerecht sein! Das werden der Kaiser und der Erste Stand niemals zulassen!“

Bei diesen Worten sprang Hans auf und schrie: „Der Erste Stand ist doch heute schon total überholt, er versinkt in dem alten Geröll, auf das er sich gründet! Nur scheint niemand zu merken, dass die echte Welt sich schon längst nicht mehr in diesem Schrotthaufen abspielt!“

Wer der Sieger dieses Wortgefechts war, konnte am Ende niemand sagen. Hans hatte für seinen Teil sicher recht. Seit der Einführung der Äquinoktialstunde schien nicht nur die Zeit schneller zu vergehen. Alles Neue kam von England herüber, Kleidung, Mode, Industrie. Deutsche gewannen die Nobelpreise, aber England machte das Geld daraus. Der einzige Deutsche, auf den zunehmend gehört wurde, war Karl Marx. Man diskutierte erbittert über seine Philosophie und schlug sich die Köpfe ein. Auch wenn kaum jemand dessen dreibändigen Schinken Das Kapital gelesen hatte, so wusste man selbst in den Gerberhäusern von der Ausbeutung der Arbeiterklasse mit steiler Zornesfalte zu berichten. Marx selbst war ins moderne England ausgewandert, wo jedoch kein Hahn nach ihm krähte.

Noch versammelte die Position des Rösslewirts in diesem Streit hatte noch immer die Mehrzahl der Anhänger hinter sich. Doch es war ungewiss, was mit Deutschland passierte, wenn in einer Demokratie die Sozialdemokraten die Oberhand bekämen. Mit jeder Wahl konnten sie Stimmengewinne verbuchen und ihr Aufstieg schien dem Establishment bedrohlich. Für den Rösslewirt war der Kaiser die letzte Bastion, die die Gesellschaft vor dem Zusammenbruch bewahren konnte. Weil er nun einmal das Familienoberhaupt war, schloss man sich seiner Meinung an. Der Kaiser war ein umsichtiger Führer, der Deutschland zu wirtschaftlichem Wohlstand geführt hatte und die Sozis waren undankbare, vaterlandslose Gesellen, die alles platt machen wollten. So musste es einfach sein und niemand außer Hans wagte zu widersprechen.

Die Familie wusste damals nicht, dass der Kaiser weit weniger Macht besaß, als man ihm zuschrieb, und dass man einer Demokratie im Grunde schon sehr nahe war. Darin hatte der Rösslewirt rechtgehabt. Wenn der Kaiser sich wirklich gegen den Reichstag durchsetzen wollte, musste er alle seine Reserven mobilisieren. Er konnte zwar den Reichskanzler bestimmen, aber auch der war auf die Mitarbeit des halbwegs demokratisch gewählten Reichstages angewiesen. Das Einzige, was Deutschland von einem Land wie England noch unterschied, war die Kommandogewalt des Kaisers über das Militär. Und selbst die war eingeschränkt, weil der Reichstag über die finanzielle Ausstattung entscheiden konnte.

Wie so oft begannen auch an diesem Tag die politischen Diskussionen Klara bald zu ermüden und die Hitze tat ein Übriges. Klara bedeutete Theresa, vom Tisch aufzustehen, und nahm sie mit in den kühlen Weinkeller des Hauses, wo sich die Schwestern ein paar Schlückchen zu viel gönnten. Der Alkohol beflügelte Klara und ließ ihre Sorge, auf der Straße Rufus zu begegnen, albern erscheinen. Leicht schwankend hakte sie sich bei Theresa unter und schlug vor, zur oberen Brücke Richtung Ehinger Ufer zu spazieren, um sich dort niederzulassen, die Füße im Neckar abzukühlen und den Sonnenuntergang zu betrachten.

Auf dem Weg dorthin unterhielten sich die beiden Mädchen über den kaiserlichen Hof. Klara besaß einen Schuhkarton voller Bilder und Fotografien vom Kaiser und seiner Frau Auguste Viktoria, auf die sie sehr stolz war. Es war ein Sport für die Jungen und Mädchen zu dieser Zeit, kaiserliche Bilder zu sammeln.

„Erwin die Nase hat siebenundsiebzig Kaiserbilder und auf jedem hat der Kaiser eine andere Uniform! Hast du das gewusst?“, fragte Theresa und Klara lachte. Erwin hieß bei den Mädchen „die Nase“, weil sein Gesicht von einem äußerst prominenten Exemplar geziert wurde. Es gab den Umwerfenden, den Schnuckeligen, den Erfahrenen und viele andere mehr. Rufus hingegen hieß der „Schönling“. In der Volksschule war er noch einer von vielen unscheinbaren Jungen gewesen. Doch seit ihm ein dünnes Oberlippenbärtchen wuchs, sah er markant aus und die Mädchen drehten sich nach ihm um. Als Klara an ihn dachte, begann der Groll unter der Sollbruchstelle zu lodern.

„Dieser Schönling!“, rief sie verächtlich aus und erntete einen überraschten Blick von Theresa, die nicht wusste, wie Klara so plötzlich auf Rufus zu sprechen kam.

„Ist doch wahr!“, fuhr Klara fort, „Den von Wildts fällt eben alles in den Schoß.“

Als Klara verstummt war, hörte Theresa vom Gras gedämpfte Schritte hinter ihnen und stieß Klara beinahe unmerklich in die Seite. Die beiden Mädchen wagten es nicht, sich umzusehen und starrten in die letzten verglimmenden Sonnenstrahlen über dem Wasser, ohne sie wahrzunehmen. Wenn das der Vater war, der hinter den beiden stand, dann würde es ein Donnerwetter geben, das wussten sie. Eigentlich war der Vater aber um diese Zeit in der Schankstube und füllte die Bauern ab. Womöglich war es Schutzmann Faber, der den Mädchen gleich die Ohren lang ziehen würde, weil sie die Füße im choleraverdächtigen Neckar badeten.

 

Noch immer wortlos

Jetzt bohren diese Ärzte mir tatsächlich ohne Betäubung den Schlauch der PEG-Sonde durch die Bauchwand in den Magen! Das Walross, Verfechter meines klinischen Todes, hält jede Art von Schmerztherapie bei einem Toten für überflüssig. Ich nenne ihn Walross, weil er vampirisch lange Eckzähne hat und einen nach unten hängenden Schnauzbart. Er ist der Oberarzt der Intensivstation, weiß immer, wie alles besser gemacht wird, rührt selbst aber keinen Finger.

Zuerst hat mir das Walross über einen Schlauch Luft in den Magen geblasen, bis dieser zu zerreißen drohte. Dann hat das Wiesel die Bauchhaut aufgeschnitten und mit einem spitzen Stab ein Loch in Bauchwand und Magen gerammt, durch das es einen Schlauch in den Magen gelegt hat. Über diesen kann man mich jetzt mit Flüssigkeit und pürierter Nahrung versorgen. Das ist einfacher und natürlicher, als mir kalorienhaltige Fettpampe in die Venen zu pumpen.

Das Wiesel ist ein schmächtiger Assistenzarzt, der das Walross wie einen Planeten umkreist, um zu möglichst vielen Eingriffen für seinen Facharztkatalog zu kommen. Ich bin seine erste PEG-Sonde. Er hat das ganz ordentlich gemacht, wenn man von den zermürbenden Schmerzen einmal absieht. Aber dafür kann er nichts. Er hält mich ja für so gut wie tot oder zumindest auf direktem Weg dorthin.

Um über den Schmerz hinwegzudenken, erinnere ich mich an meine eigene Seegfrörni von 1962/63. Mein Urgroßvater Josef Anton hat recht. Wer den zugefrorenen Bodensee einmal erlebt, den lassen die Bilder nicht mehr los. Ich sehe eine unendlich lange Prozession, in deren Mitte sechs Träger den Kopf des Johannes von Hagnau über den See nach Münsterlingen tragen. Vorneweg marschiert der Pfarrer unter einem Baldachin mit vier Ministranten und viel Weihrauch. Das Volk betet den Rosenkranz. In der Mitte des zugefrorenen Sees verlangt meine Mutter etwas unglaublich Peinliches von mir. „Seit beinahe 400 Jahren macht das jeder aus unserer Familie, und du wirst es auch tun!“, schnauzt sie mich an, weil ich mich schäme.

Als ich das Unsägliche dann getan habe, stehe ich neben mir. Bilder meines zukünftigen Lebens überfluten meinen Geist in einer Klarheit, wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe. Wie Leuchttürme sehe ich die Stationen vor mir, die ich in meinem Leben gegangen bin und gehen werde. Zu schnell jedoch endet das Erlebnis und meine Augen nehmen wieder den alltäglichen, begrenzten Blick an. Damals bin ich noch zu jung, um zu erkennen, was diese Vision bedeutet, und einen Nutzen für mein Leben daraus zu ziehen. Ich weiß auch noch nicht, dass man für ein solches Erlebnis immer einen Preis zahlen muss. Später erst verstehe ich, dass der Tod meines Vaters dieser Preis ist.

Auf den Tag genau ein Jahr später stirbt mein Vater an der Erkältung, die er sich bei dem Marsch über den See zugezogen hat. Der Fels, der mich vor den schlimmsten Exzessen meiner Mutter wenigsten halbwegs beschützt hat, ist plötzlich nicht mehr da.

Ich bin von Idioten in weißen Kitteln umgeben! Ja, ich kann mich nicht bewegen, nicht mal einatmen, liege nur einfach da und denke. Irgendwann überkommt mich der Schlaf. Und der kümmert sich einen Dreck um tarifliche Arbeitszeiten. Hirnströme werden aber nur zu eben diesen Zeiten gemessen, und das geschieht bei mir immer dann, wenn mein Hirn gerade seine außertarifliche Auszeit nimmt. Deshalb halten diese Idioten mein EEG für die Vorstufe zum Hirntod.

Meine Welt hat sich nicht nur von der Außenwelt abgekoppelt, sie steht Kopf. Wenn es hell ist, klebt man mir die Lider zu, wenn gearbeitet wird, schlafe ich und statt mit mir zu reden, spricht man über mich. Ich kann nicht antworten, sondern nur denken und das merkt nicht einmal jemand. Mein Hiersein als dienstältester Toter ist stressbeladener, als es mein Dasein als Chefarzt je gewesen ist.

Selbstmitleid ist Gift für jemanden, der schon bemitleidet wird. Die Nachtschwester zum Beispiel murmelt ständig, was für ein armer Kerl ich sei. Anfangs hatte ich den Verdacht, dass sie eines Nachts aus Mitgefühl eigenmächtig den Stecker ziehen würde. Vielleicht wäre diese finale Lösung sogar eine rettende Stressprobe für meinen Organismus. Ohne Atmung kommt es zu einem Stickstoffanstieg im Blut, der mein Atemzentrum aus seinem Winterschlaf wecken und wieder in Gang setzen könnte – oder auch nicht! Bewusst erleben möchte ich diese Stressprobe jedoch um keinen Preis! Ich habe genug Probleme und möchte nicht auch noch meinem eigenen Erstickungstod ins Auge blicken.

Die Nachtschwester ist über fünfzig, arbeitet Teilzeit und ist vom Leben nicht verwöhnt worden. Und weil es mir noch schlechter geht als ihr, wacht sie gerne an meinem Bett. Das weiß ich, weil ich die stumme Ablage ihrer Sorgen bin. Sie ist geschieden, lebt allein und hält am liebsten Nachtwache bei Schwerstkranken, um die sich niemand so recht kümmern will. Die Betreuung Hilfloser gebe ihrem Alleinsein einen Sinn, denn wenn sie nicht allein sei, hätte sie keine Kraft mehr für den Nächsten übrig.

Ich habe sie nie gesehen. Wenn sie kommt, sind entweder meine Augen zugeklebt oder es ist dunkel. Manchmal streicht sie mir übers Haar und wiederholt dabei mit brüchiger Stimme in schwäbischem Singsang, wie leid ich ihr tue und dass sie immer das Beste für mich wolle. Ich gebe zu, dass ich mich nach der zärtlichen Zuwendung dieser fremden Person sehne. Ich genieße die wohligen Signale meiner Haarwurzeln, die mir durch Mark und Bein gehen, dass ich heulen möchte, könnte ich es. Und wenn sie mir über die Wangen streicht, sagen mir ihre Berührungen, dass ich kein »interessanter Fall« bin, dass ich ihr auch nicht zur Last falle, sondern dass ich einfach ein Kranker bin. Für sie bin ich, für die anderen existiere ich nur.

Wann hat mein Sein genau aufgehört? Es muss wohl in der Wohnung meiner verstorbenen Mutter gewesen sein.

Als ich in Großmutters Tagebuch hineingelesen hatte, klappte ich die Mappe zu, weil sich die Beklommenheit vom Blatt auf den Raum übertrug. Die Wände der Dreizimmerwohnung schienen auf mich zuzuwachsen. Ich war hungrig, hatte den Tag nur mit trockenem Brot und löslichem Kaffee begonnen und seit zwei Tagen keine Sonne mehr gesehen. Ich wollte unter Menschen, alte Freunde besuchen, etwas Richtiges essen. Aber irgendeine geheime Kraft hielt mich tagelang in dieser Enge zurück. Ich weiß nicht, was es war.

Später informierte ich Mutters Freunde über ihren Tod. Meine Mutter war eine attraktive Frau mit einer geselligen Art gewesen. Dementsprechend weitverzweigt war ihr Freundeskreis. Ich nahm die allgemeine Betroffenheit über das Ableben meiner Mutter zur Kenntnis. Diejenigen, die es ehrlich meinten, waren Männer, die Heuchler vornehmlich Freundinnen. In deren Stimmen schwang eine erschöpfte Zufriedenheit mit, die über ein „Endlich hat sie‘s geschafft!“ weit hinausging. Einige wenige gaben offen zu, dass es nicht immer einfach mit ihr gewesen war. Ihre beste Freundin Resi zog über meine Mutter vom Leder, wie ich selbst es nicht schlimmer hätte tun können.

Ausgerechnet Resi! Ihre beiden Söhne waren wie Abziehbilder, die mir meine Mutter ins Hirn geklebt hatte: anständig, gehorsam und hochintelligent. Ich musste als kleiner Junge mit ihnen spielen, um spielend von ihnen zu lernen. Später durften beide auf dem Gymnasium jeweils eine Klasse überspringen. Um dem Nullsummenspiel gerecht zu werden, wiederholte ich dafür zwei. Sie räumten auf dem Gymnasium alle Preise ab, die es zu gewinnen gab.

„Mein Sohn ist eben ein Spätzünder“, sagte meine Mutter immer, wenn sie eine Erklärung für notwendig erachtete. „Spätzünder“ war bis zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr quasi meine Berufsbezeichnung. Wenn ich schon keine realen Werte vorweisen konnte, so schien ich als Gesamtpaket wenigstens ein Hoffnungswert zu sein. Damit konnte ich damals aber leider nicht punkten und so fühlte ich mich in der Nähe der beiden Idealsöhne wie ein Trottel mit vager Zukunftsaussicht.

Nach dem Tod meines Vaters gingen Mutter und ich einmal zu einer Psychiaterin, die meiner Denkfaulheit auf den Grund gehen sollte. Sie konnte – von einer sozialen Grundeinstellung abgesehen – nichts Auffälliges an mir entdecken. Ich sei der falsche Patient, sagte sie. Mehr als ich hätte meine Mutter eine Therapie nötig, sagte sie, was ich damals nicht verstand. Als ich meine Mutter zur Meinung der Psychiaterin befragte, übersetzte sie unterkühlt: „Tut mir leid, Junge. Intelligenzmangel ist eben unheilbar. Du musst einfach mehr lernen als andere, um das auszugleichen.“

Der liebe Gott hat ein Herz für Krummwüchsiges. Meist gleicht er ein Manko durch eine Gabe aus, die dann umso größer ist. Das war zumindest eine Weile lang meine Hoffnung. Aber ich konnte in mich hineinrufen und hineinhorchen, wie ich wollte, es kam kein Echo zurück. Wahrscheinlich war ich eine Ausnahme.

Ich bin schon immer die Ausnahme gewesen. Mein jetziger Zustand ist mein bislang herausragendster Ausnahmestatus, weil er gleichermaßen abgekoppelt von mir selbst und von der Außenwelt ist.

Ohne meine Selbsterzählungen würde ich hysterisch werden. Hysterisch zu werden, ohne dass es eine motorische Abflussmöglichkeit gibt, ist wie das Brennen eines Kohleflözes – unlöschbar! Aus diesem Zustand kommt man nicht mehr heraus. Will ich lieber hysterisch sein oder melancholisch werden? Ersteres liegt meiner Veranlagung näher, geht aber der fehlenden Motorik wegen nicht. Melancholie klingt in meinen Ohren verführerisch, man kann sie aber nicht willentlich herbeiführen. Der Wendepunkt, der mein Leben in diese Sackgasse führte, muss seinen Ursprung in der Katastrophen beladenen Vergangenheit meiner Familie gefunden haben. Großmutter Klaras Katastrophen haben im zarten Alter von fünfzehn Jahren angefangen …

 

Die Ohrfeige

In der Hitze des Abends am Neckarufer, war Theresa die Erste, die den Mut aufbrachte, sich nach den Schritten im Gras hinter den beiden Schwestern umzudrehen.

„Jesses, der junge Herr von Wildt!“, rief sie entsetzt und sprang auf.

Sie glättete ihre weiße Schürze und verschränkte artig die Arme hinter dem Rücken. Klara rümpfte die Nase. Für diesen Hallodri war doch jede Unterwerfungsgeste reine Verschwendung. Klara klopfte das Herz bis zum Hals, doch sie blieb stur sitzen. Sie wusste ja nun, wer auf sie zukam. Irgendwann wurde sie doch neugierig, drehte den Kopf und sah, wie Rufus mit der Eleganz eines aufmerksamen Schäferhundes die letzten Meter der Böschung herunterlief. Sein Blick streifte Klara kurz.

„Bleiben Sie doch sitzen, Fräulein Theresa“, sagte er mit weicher Stimme, die Klara an ihm fremd erschien. Mehr, um ihn von Theresa abzulenken, als um höflich zu sein, stand sie auf.

„Du warst beim Frisör, Klara!“, lächelte Rufus. „Sie stehen dir gut, diese New Waves. Nur deine Haltung passt nicht zur neuen Frisur. Rücken gerade, Brust raus, das macht Haltung zum Tenue.“

Er berührte leicht Klaras Schultern und Klaras Körper gehorchte ohne Zögern den Anweisungen seines Fingerdrucks. Röte schoss Klara ins Gesicht, gleichzeitig ärgerte sie sich über ihre Hörigkeit. Rufus hatte sie noch nie angefasst. Weil Klara wegen ihres Ärgers und der Verwirrung keine Worte fand, warf sie stolz den Kopf in den Nacken und versuchte einen mäßig gelungenen hochnäsigen Blick.

„Quelle Tenue!“, rief er erfreut und wiederholte es gleich noch einmal: „Quelle Tenue!“

Dann fasste er Klara sanft an den Schultern und zog sie leicht zu sich. Seine näher kommenden braunen Augen, sein leicht geöffneter Mund, dessen wulstige Unterlippe bedrohlich näher kam und immer größer wurde, versetzten sie in eine bisher nie erlebte Schreckstarre. Anders hätte sie seinen feuchten Kuss, den er auf ihre Lippen drückte, niemals hingenommen. Sie hatte einmal Küssende auf einem gemalten Bild vor dem Kinematographiegebäude gesehen, welches für Franz Lehárs neue Operette „Eva“ warb. Das Bild hatte einen Skandal ausgelöst und musste entfernt werden. Bis jetzt war sie nie von einem Mann geküsst worden. Den Kuss des Feindes zu spüren war ekelhaft und köstlich zugleich, Verrat und Aufbruch, ein Versprechen wider die Natur, kurzum ein verwirrendes Vergehen.

Auch wenn es in Wahrheit ein eher unsinnliches Schmatzen war, hüllte sie der Kuss völlig ein. Klara fühlte sich aufgenommen, ja vereint und gab sich dem wohligen Gefühl hin, Teil eines anderen zu sein. 500 Jahre Hass und gegenseitige Vernichtung schienen plötzlich ein Ende zu haben. Sie schloss die Augen und träumte sich in eine wortlose Zukunft aus Gefühlen hinein …

„Klara, was tust du da?“, hörte Klara plötzlich ihre Schwester rufen.

Sie schluckte und berührte mit den Fingern ihren Mund in der Hoffnung, den Kuss festhalten zu können.

„Warum?“, stotterte sie und wusste sofort, dass die Frage schon im Ansatz falsch gewesen war.

„Tja, warum?“, gab Rufus zurück und setzte eiskalt hinzu: „Wegen einer Wette! Ich habe mit meinen Freunden um diesen Kuss gewettet. Du musst volltrunken sein, wenn du meinst, ich würde ohne Bezahlung eine nach schlechtem Wein riechende Landpomeranze küssen.“

In diesem Moment rannten Rufus’ Freunde johlend und unter Absingen von Schmähliedern die Böschung herab. Alle hatten es gesehen: Harald der Ziegenpeter, Wilhelm der Schlauberger, Friedrich die Nase, Eugen die Lippe und Edmund die Lücke, dem ein Schneidezahn fehlte. Jakob der Erfahrene und Adolf die Tulpe liefen im Kreis um Klara und Theresa und grölten. Als Letzter humpelte Krüppel Karl die Böschung herunter, als wolle er auf einen abfahrenden Zug springen. Rufus streckte seinen Kumpanen die flache Hand entgegen und forderte die gewonnenen Pfennigstücke ein.

Klara zog alles Verletzliche nach innen und flüchtete in die ausgebreiteten Arme ihrer Schwester. Diese umfasste den Kopf der Gedemütigten mit ihren starken Armen und drückte Klara an ihre Brust, als wollte sie sie durch ihre Rippen sieben. Die Schmach war zu entsetzlich für Tränen. Sie fühlte sich wie in einer Zwischenwelt. Nicht vorstellbar, was der Vater dazu sagen würde. Ihre Schande würde noch Generationen von Wildts zum Lachen bringen und die eigene Familie würde sie aus den Annalen streichen. „Und morgen weiß es die ganze Stadt“, tönte es in ihr.

„Ein Kopf voll Stroh und Steine im Herzen macht dich froh und tilgt alle Schmerzen …“, sang der vermaledeite Chor.

„Hätte nie geglaubt, dass du das mit dir machen lässt“, murrte Krüppel Karl. Er hatte auf Klara gesetzt. Auf sie, die ihm einen Krug Wasser für die kleine Anna verweigert hatte!

„Der Hans kommt unter die Räder, als Sozi und Vaterlandsverräter!“

„Der Verblödung in ihrem Lauf sitzt jeder Manz mit Freuden auf!“

Klara wäre am liebsten in ein Mauseloch verschwunden, aber nur ihr Kopf war zwischen den Brüsten ihrer Schwester vergraben. Die Füße standen in der Wirklichkeit.

„Wer die Hosen voll hat, muss dennoch durch die gleiche Scheiße“, hatte Klaras Vater einmal gesagt und sich damit einen schweren Rüffel der Mutter eingehandelt. In diesem Augenblick verstand Klara, was er damit gemeint hatte. Ein Entkommen war unmöglich und „Aufgeben“ war keine Vokabel, die im Wortschatz ihrer Familie vorkam.

In Klara schien sich ein Schalter umzulegen. Sie befreite sich aus der Umklammerung der Schwester und sah, wie Rufus sich anschickte, leichtfüßig die Uferböschung nach oben zu springen.

„Wildt!“, schrie Klara schneidend unter Auslassung des Adelsprädikats und mit Betonung des „t“ am Ende, weil sie wusste, wie sehr er das hasste.

Rufus blieb unschlüssig stehen. Klaras Hilflosigkeit war vollständig verflogen. Noch während er sich zu ihr umdrehte, holte sie aus und legte ihre ganze Kraft in einen einzigen Schlag, der mit voller Wucht sein linkes Ohr traf. Rufus sackte zusammen, rollte die Böschung hinab und blieb reglos vor den Füßen seiner Freunde liegen. In die plötzliche Stille drangen nur das ratlose Keuchen der Umstehenden und das friedliche Plätschern des Flusses. Mit einem Mal war auch die Spannung zwischen Klara und Rufus verflogen. Klara hatte den am Boden liegenden treten wollen, brachte es jedoch nicht mehr übers Herz. Sie forderte von ihrer Schwester eine Mark und gab sie dem Krüppel Karl. Er sollte nicht umsonst auf Klara gewettet haben.

„Habt ihr genug Wasser für die kleine Anna?“, fragte sie Karl so freundlich, wie es ihr in dieser Situation möglich war.

Der Krüppel Karl betrachtete ungläubig den kleinen Schatz in seiner Hand und sagte: „Wasser ham wa keins. Aber Rufus bringt uns jeden Morgen ne Kanne Milch vom Hof …“

„Was? Wer? Der?“, kreischte Klara heiser und nickte in Rufus‘ Richtung. Es war ihr, als hätte ihre Ohrfeige wie ein Bumerang gerade ihr eigenes Gehirn erschüttert.

„Hmm“, machte Krüppel Karl. „Jeden Morgen bringt er sie aufm Fahrrad vorbei. Zehn Kilometer hin, zehn zurück. Ihr habt uns ja kein Wasser gegeben …“

„Wir haben selber keines“, sagte Klara, die plötzlich sehr müde wurde.

„Und das Spülwasser für die Gläser in der Wirtschaft?“

Sie blickte betroffen auf den noch immer am Boden liegenden Rufus, aus dessen linkem Ohr ein Faden geronnenen Blutes Unwiderrufliches kündete. Er hatte die Augen geöffnet, aber seine Augäpfel rollten haltlos im Kreis herum. Er versuchte zu sprechen, brachte jedoch nur Ächzen heraus.

Rufus tat ihr leid. Sie tat sich leid. Alles tat ihr leid. Noch ehe sie die Folgen ihrer Tat ahnen konnte, spürte sie einen kräftigen Zug am Ohrläppchen. Schutzmann Faber zog die weinende Klara aus dem Kreis der Verwüstung heraus und zerrte sie durch die Gassen ihrer Stadt. Wieder einmal stand ein Manz wegen eines Wildt am Pranger. Ja, genauso fühlte sie sich, denn Faber nahm nicht den direkten Weg in die Königstraße, sondern zeigte ihr verheultes Gesicht auf allen möglichen Umwegen sämtlichen Mitbürgern.

„Das hat Folgen!“, schnaubte Faber unablässig. „Es ist immer das Gleiche mit euch Manz. Wenn einer von euch endlich von Altersweisheit gestreift wird, ist schon was Junges nachgewachsen, das wieder von vorne anfängt. Herrgott noch mal, wenn der Wasserkessel pfeift, ist doch der Kaffee noch nicht gekocht. Wann lernt ihr endlich, mit dem Druck in euch umzugehen?“

Zu Hause flüchtete Klara erst einmal schluchzend an die Brust der Mutter.

„Rufus, dieses Schwein, wollte mich küssen. Ich habe ihm eine gescheuert!“, schrie sie noch, bevor Faber ein Wort sagen konnte. Denn wer zuerst kommt, hat immer recht. Natürlich verschwieg sie, dass sie den Kuss von Rufus willig hingenommen, ja genossen hatte.

„Ja, Rösslewirt. Deine Tochter hat ihn mit der Ohrfeige krankenhausreif geschlagen“, nickte Faber. „Wahrscheinlich ist das Trommelfell gerissen. Du kannst schon mal aus deinem dicken Tresor das Geld einsammeln.“

Beim Wort „Geld“ begann der dicke Schnauzbart des Vaters in verhaltener Wut zu zittern. Das war das Zeichen für Klara, etwas nachzulegen.

„Wenn er auch etwas derart Unanständiges macht!“, heulte sie. „Er hat mich bloßgestellt, vor allen anderen – wegen einer Wette!“

Mit diesem Satz hatte sie bei ihrem Vater gewonnen.

Unglücklicherweise aber war Rufus’ Trommelfell tatsächlich zerrissen. Davon sprachen jedenfalls die Arztrechnungen, die später ins Haus flatterten. Als alle Rechnungen beglichen waren und endlich wieder Ruhe einzukehren schien, wurde Klaras Vater noch einmal wegen dieses Vorfalls in die Realschule bestellt. Josef Anton steckte sich eine Handvoll Goldmark in die Tasche, um damit die Wogen zu glätten.  Klara war speiübel, wie immer, wenn ein Elternteil ihretwegen in der Schule antreten musste.

Als er zurückkehrte, und die Taschen noch immer voll Geld waren, wusste Klara, dass die Unterredung mit dem Rektor übel ausgegangen sein musste. Er hatte sich diesmal also nicht bestechen lassen.

„Man hat dich aus der Schule relegiert“, knurrte der Vater.

Das war der zweite Schlag, der Klaras Bewusstsein durcheinanderwirbelte. Relegiert … relegiert … relegiert, echote es unter ihrem Schädel. Keine Zukunft mehr, hinter dem Tresen stehen und Geschirr waschen, Theresa zur Hand gehen, Trauben pflücken, Ställe ausmisten. Plötzlich war sie kein höheres Mädchen mehr. Sie würde ein erbärmliches, bäurisches Dasein fristen. Was hatte sie sich doch für ihre Zukunft ausgerechnet! Eine junge Frau mit Bildung, mit Tenue hatte sie sein wollen – begehrenswert für den Geldadel wie für den richtigen Adel. Einen Hohenzollernprinzen hatte sie sich vorgestellt. Relegiert zu sein bedeutete, hart für Kost und Logis zu arbeiten. Das roch nach Kuhdung und schwitzenden Männern im Schankraum. Das hieß, auf einen Bauerlümmel zu warten, der sie zur Frau nahm.

„Diese alte Drecksau von Wildt ist mir zuvorgekommen“, tobte der Vater. „Dieser korrupte Hallodri von Rektor hat sich auf eine angebliche Weisung von höchster Stelle berufen. Ich weiß schon, von wem die Weisung stammt. Wenn es drauf ankommt, schneidet der Adel heute immer noch den Geldadel. Von mir hättest du das, ausgerechnet von mir, habe ich mir sagen lassen müssen!“, brüllte er, während er mit dem Zeigefinger unablässig auf seine eigene Brust einstach.

„Was habe ich von dir?“, wagte Klara kehlig zu fragen.

„Na, das Aufbrausende. Ich hätte meine Gäste verprügelt und auf den Bäckerhans mit dem Pickelhelm vom Faber eingestochen. Und das vor den Augen meiner Töchter! Da müsse man sich nicht wundern, wenn der Apfel neben dem Stamm zu liegen komme, hat er gesagt und ich habe schweigen müssen. Du weißt ja, was hier passiert ist. Diese verfluchten von Wildts bringen die ganze Stadt gegen mich auf! Und für dich war es das jetzt wohl mit der Schule.“

Klara rannte heulend die Treppe nach oben in ihr Zimmer, wo sie sich in ihren Schmerz vergrub.

Von nun an war sie eine Persona non grata in der Stadt. Kein anständiger Junge würde sich mehr für sie interessieren. Der einzige Ausweg schien ihr jetzt noch das Kloster. Sie hatte keine guten Erfahrungen mit Nonnen gemacht, doch mit einem Mal erschien ihr das Kloster als beschützter Ort voller Geborgenheit, als letzte Möglichkeit, aus der Welt zu fliehen, die gegen sie war.

Es kam so, wie Klara es vorhergesehen hatte. Mit verschwitzter Bluse und schmutziger Schürze bediente sie fortan schwitzige Männer im Rössle. Im Herbst stand sie neben Wanderarbeiterinnen aus Pommern in den Reben, schnitt Trauben und entwickelte wüste Rachefantasien. Bei jedem Schnitt stellte sie sich vor, es sei Rufus’ Kehle. Und wenn sie in der Pause erschöpft am Holzrad des Fuhrwerks lehnte und das karge Brot mit Speck aß, dachte sie an ihre Freundinnen, die zur selben Zeit in der Schulpause ihr Frühstück mit spitzen Fingern anfassten und nach dem neuesten Parfüm rochen. Klara roch nach Schweiß, den die Sonne aus ihren Kleidern sog. Wenn Hans mit voller Bütt zum Fuhrwerk kam und die Trauben kopfüber ausschüttete, dann war es Klara, die sich abgeschnitten und ausgeschüttet fühlte.

Mittwochs schickte der Vater sie auf den Marktplatz, wo sie ihren Stand neben der Hagelmeterin aufbaute, die nur hämisch grinste. „So schnell kann man so tief fallen“, las Klara aus ihrem von Falten zerfurchten Gesicht. Eines Mittwochs sagte die alte Frau: „Mach dir nichts draus, Klara. Ich habe drei Söhne. Der Eugen würde gut zu dir passen.“

Klara schwieg. Sie war ganz und gar nicht der Ansicht, dass Eugen mit seiner ständig feuchten Unterlippe etwas für sie sei.

„… oder der Adolf, wenn der dir besser gefällt“, bot sie weiter.

„Die Tulpe? Niemals“, dachte Klara, „dann schon lieber Eugen.“ Doch sie ließ ihre Gedanken lieber nicht nach außen dringen, sondern nickte nur gleichgültig, um ihre Nachbarin nicht zu verärgern. Die Hagelmeterin war immerhin die einzige der Marktfrauen, die noch mit Klara sprach. Gut dass sie nicht wusste, wie sehr Klara und die anderen Mädchen sich immer über die Hagelmetersöhne lustig machten.

Als sie an einem Spätnachmittag in die Gaststube zurückkehrte und ihren Platz hinter dem Tresen einnahm, stand Rufus plötzlich vor ihr. Er trug die schicke Uniform eines Fähnrichs und verlangte mit breitem Grinsen zwei Flaschen des besten Weins. Klara gab sie ihm wortlos. Rufus bezahlte und legte ein so üppiges Trinkgeld obendrauf, dass Klara sich innerlich grün und blau ärgerte. „Was für ein erbärmlicher, herablassender Schnösel er doch war!“, dachte sie. Doch sie gab sich kühl, an Demütigungen gewöhnt man sich schließlich, und bedankte sich artig. Sie rang sich sogar ein anerkennendes Wort für seine Uniform ab.

„Der Kaiser vergrößert die Armee. Er braucht neue Soldaten. Am Montag rücke ich in die Garnison ein“, sagte Rufus stolz.

„Dann bete ich für dich, dass du, wenn der Franzmann einmarschiert, ganz vorne stehen darfst“, sagte Klara und stellte sich dabei vor, wie Rufus mit winkendem Arm auf dem Schlachtfeld stand, „Auf! Auf! Marsch! Marsch!“ schrie und – fiel. Klara lächelte von heimlicher Perfidie getrieben und kostete ihre Gehässigkeit genüsslich aus, die ein paar Sekunden brauchte, um auch in Rufus‘ Kopf zu sedimentieren und Wirkung zu zeigen.


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