"Ein Roman ist wie der Bogen einer Geige und ihr Resonanzkörper wie die Seele des Lesers“  – Stendhal

Leseprobe Schuldkinder

Schuldkinder -  Thriller von Wolf R. Seemann

Kapitel 1

»Es gibt eine Zeit davor und danach«, sagt die ältere Dame und blickt mit einer Mischung aus Spott und Wehmut starr geradeaus. »Davor schrieb uns die Uhrzeit unsere Beschäftigung vor, danach die Notwendigkeit. Menschen ändern sich. Jeder entdeckt in sich etwas, das unerwartet anders geworden ist, ob im Guten oder Schlechten. Denn wir sind alte Münzen, die zu neuer Währung umgestempelt wurden.« Die alte Dame hebt die Arme und sticht mit unerwarteter Heftigkeit eine Haarnadel durch ihren platingrauen Dutt. »Was er für ein Mensch war? Stoisch und, wenn ich so sagen darf, unverwüstlich wie eine Eiche.«

 

Als Richard Dreyer über sich nachdachte, sah er einen Dreimaster mit Schlagseite vor sich. Er blickte auf die Uhr. Es war der 21. Dezember, 15 Uhr. Die Stimme Bernauers klang verzerrt, als käme sie aus einer alten Lautsprecherbox.

»Sie sind gefeuert, Dreyer!«

In Richards Kopf hallten diese Worte wider, in Endlosschleife, blechern, laut. Einen Moment lang meinte er, sein Herz stehe still oder es habe die Seite gewechselt und er müsse ohnmächtig werden. Er schnappte nach Luft.

»Sie sind der beste Chirurg, den ich je in meiner Abteilung hatte, aber ...«

Ein Aber macht alles ungültig, was davorsteht.

»... aber jeder ist ersetzbar. Unser Oberarzt Tom Pfeil berichtete mir, sie hätten mit Ihrem Auftritt im Rahmen des deutschen Chirurgenkongresses die Abteilung, das gesamte Krankenhaus, ja, die deutsche Chirurgie lächerlich gemacht. Bitte, das ist nicht meine Meinung, verstehen Sie? Aber Sie haben eine – eine Prostituierte! – als Ihre Frau ausgegeben. Ferner sagte er, Sie hätten Herrn Tillmann Mohr beim Pokern um dreißigtausend Euro betrogen und Toms Freundin, Frau Doktor Sonja Kron – wie soll ich sagen? – sexuell kompromittiert! Bitte ...«, fuhr er fort, während er vor Dreyer auf und ab lief, »Ich will die Sache nicht vor die Geschäftsführung bringen, Herr Dreyer. Heute haben wir den 21. Dezember 15 Uhr. Wenn Sie zum 31. 12. kündigen, bekommen Sie ein picobello Zeugnis. Tut mir leid, ehrlich, dass ich Ihnen das kurz vor unserem Weihnachtsausflug mitteilen muss. Ich könnte verstehen, wenn Sie unter diesen Umständen nicht mitkämen.«

Die Betonung lag auf nicht.

Gefeuert. Und das wegen privater Kleinigkeiten, Petitessen, moralischer Grenzgänge. Jeder der drei Vorwürfe lag knapp neben der Zwölf. Aber Tom war ihm zuvorgekommen. Und wer zuerst kommt, hat immer recht. Bernauer war wie so oft vor seinem Oberarzt eingeknickt, wie Butter, die den Kampf gegen die Sonne verliert. Richard hätte mit tausend Argumenten dagegen halten können, aber Rechtfertigungen lassen einen schrumpfen.

Einen Moment lang dachte er an die Zigeunerin, die ihm vor einer Stunde die Zukunft aus der Hand gelesen hatte.

»Na, was sehen Sie?«, hatte er sie von oben herab gefragt.

Zuerst hatte sie ihn taxiert, dann wiegte sie ihren Oberkörper vor und zurück, während sie mit dem Zeigefinger über seine Handlinien strich und ihre Lippen bewegte, die Laute freigaben, die nicht von ihr zu kommen schienen. »Du wirst tief stürzen. Dann wird es donnern, wenn du zwischen Fegefeuer und Hölle eingeklemmt liegst. Endlich wirst du der Phönix sein und dich selbst ertragen können, bis dich die Elster holt! Du bist ein verdammter Mörder und Betrüger! In diesem Moment zog sie die Hand von seiner weg. »Geh und nimm dein Geld, ich will es nicht haben, hau ab!«

Er zuckte zusammen und fühlte sich wie ein geprügelter Hund. Einen Augenblick lang sah er sich in einer Faust eingeklemmt, die sich um ein längst beschlossenes Schicksal schloss, sein Schicksal. Bis dich die Elster holt, verdammt, wovon sprach die Alte?

Ihm lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Er holte tief Luft und fühlte ein Zittern in seinen Atemwegen. Ein Teil der Prophezeiung hatte sich soeben erfüllt, dachte er. Unsinn, das war nur Altweibergewäsch, versuchte er sich Mut zuzusprechen. Aber es gelang ihm nicht, die Alte ging ihm nicht mehr aus dem Sinn.

Gefeuert, das hieß, ab Januar arbeitslos. Wer von sich aus fristlos kündigt, hat keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt. Der riecht nach Ärger und sozialer Unverträglichkeit. So einen will man nicht und sei er noch so talentiert. Und Richie, wie er von seinen Kollegen genannt wurde, war talentiert, in beide Richtungen, auf der nach oben wie nach unten offenen Ethikskala.

Er hatte sich nie an den Diminutiv Richie gewöhnen können. Er fühlte sich dadurch in die Unterhaltungsecke gedrängt. Und genau da stand er jetzt. Er war immer der, über den man sich den Mund zerriss. Sicher hatte Tom die anderen über seinen Rausschmiss informiert. In einer Klinik hatten die Wände Ohren. Darin war er sich sicher, dafür brauchte er keinen Beweis. Das musste er nicht persönlich über sich ergehen lassen. Auf dem Betriebsausflug wäre er die Zielscheibe von Häme und Spott. Nur ein Bekloppter setzte sich dieser Demütigung freiwillig aus.

Und dennoch war es seine letzte Chance, Bernauer vor einem großen Fehler zu bewahren. Er musste warten, bis die Wut über ihn verraucht war und die Wahrheit ans Licht bringen. Der wirkliche Betrüger war nicht er, sondern Tom. Wenn er seinem Chef doch nur klarmachen könnte, wer in Wahrheit all die schwierigen Operationen zu einem guten Ende geführt hatte. Und wer den eigenen Namen anstelle des seinen auf die Operationsberichte gesetzt hatte.

»Trotzdem, ich komme mit«, sagte er mit so klarer Überzeugung, dass Bernauer aufhorchte.

Mit Ausnahme des Notdienstes versammelten sich alle Mitarbeiter der chirurgischen Abteilung gegen 18 Uhr auf dem Patientenparkplatz des Krankenhauses. Als der Bus vorfuhr, der sie zur Weihnachtsfeier und wieder zurückbringen würde, stieg man unter fröhlichem Stimmengewirr ein.

 Sonja, mit ihrer Aura zwischen Barfrau und Eisheilige, schwebte im Mittelgang bis zur Busmitte, wo sie eine nicht besetzte Sitzreihe vorfand. Sie setzte sich auf den Gangplatz und platzierte ihre Handtasche vielsagend auf den Fensterplatz neben sich. Tom lächelte wissend und setzte sich auf den freien Platz auf der anderen Seite des Ganges. Er genoss ihre kühle Unnahbarkeit sichtlich, die Wolke aus Eis, die sie umgab und ihre scheinbare Unantastbarkeit. Ein Alphamann wie er, konnte sich diese Frau leisten, hieß das. Toms Lebensinhalt war ein einziger Kampf um die Poleposition.

Sonjas verkürzte Oberlippe ließ ihre oberen Frontzähne häschenartig hervorschauen. Das verlieh ihrem Gesicht etwas Niedliches, was sie jedoch durch ihre streng gezopften Haare, die eisblauen Augen und den konsequenten Verzicht auf jeglichen Schmuck ausglich. Sonja schminkte sich nie. Wenn Toms Testosteronspiegel wieder einmal überschwappte, presste sie gerne ihre Oberlippe gegen die Zahnreihe, was sie schlagartig übellaunig aussehen ließ.

Der Busfahrer wollte soeben die Türe schließen, als eine Gestalt auf den Bus zulief: Richard! Ein Aufstöhnen ging durch die Busreihen.

»Nicht der!«

»Der traut sich was«, sagte Tobi mit einem Hauch von Anerkennung.

Richard sprang entschlossen die Stufen nach oben und stellte sich breitbeinig neben dem Fahrer auf. Er blickte trotzig den Anwesenden ins Gesicht, als suche er ein Opfer aus. Sonja betrachtete die Rückseite der Lehne vor ihr. Tom beobachtete Sonja. Nur Bernauer sah ihn von der ersten Sitzreihe aus erwartungsvoll an, weil er gegrüßt werden wollte. Richard verneigte sich tief vor ihm, und die übertriebene Geste konnte sowohl Demut als auch Spott bedeuten. Die Hoffmann, Bernauers Sekretärin, ignorierte ihn ebenso wie er sie. Für sie war alles außer ihrem Chef Kanonenfutter. Sie beschützte ihn wie ihre Brut vor den Zudringlichkeiten seiner Abteilung.

Vor Sonja saß Vera, die ebenfalls den Kopf gesenkt hielt. Vera war Krankenschwester und Vorzeigefrau der Abteilung. Sie war auf jedem Flyer abgebildet, als wäre sie eine Art Universalchefärztin, die für alles zuständig sei. Tatsächlich war sie mit ihren Korkenzieherlöckchen einfach nur fotogen. Niemand traute ihr eine ernsthafte Tätigkeit zu. Und in den vergangen vier Jahren hatte sie niemand ein einziges Mal bei der Arbeit ertappt.

Der Busfahrer stellte das Radio an, das das zur Adventszeit passende Jingle Bells sendete und fuhr los. Richard hangelte sich den Sitzreihen entlang nach hinten. Dieser war mit 17 Leuten nur halbbesetzt, weshalb für jeden eine eigene Reihe zur Verfügung stand. Gerade erreichte er Schwester Flora, die immer über jeden Tratsch auf dem Laufenden war. Sie war Mitte fünfzig, ledig, hatte eine Tochter und arbeitete seit Anbeginn der Zeiten in der Abteilung. Häufig musste sie von Sonja gewaltsam zum Feierabend gezwungen werden. Floras Figur ähnelte der einer Kugel auf zwei Beinen und sie war immer zur Stelle, wenn es jemanden zu vertreten galt. Sie schonte sich nicht und hatte Arthrose in den Kniegelenken. Richard strich er ihr über den Rücken. Flora und er hielten zusammen, wie zwei Behinderte. Sonja warf den beiden einen spöttischen Blick zu. Flora war für sie eine Terra incognita geblieben. Frauen mit Helfersyndrom waren ihr verdächtig.

Richard kam ihr immer näher. Der Kerl war gefeuert worden, was will er noch hier?, fragte sie sich und fühlte, wie ihr Hals rot wurde.

Jingle Bells wurde wegen einer dringenden Mitteilung unterbrochen.

»Wir haben Neuigkeiten über den Verbleib des Zweijahrtausendkometen, der unsere Herzen vor zwei Jahren so erfreut hat. Dieser Weihnachtskomet ist vor genau zwei Jahren in den Hauptasteroidengürtel um den Mars eingetaucht und dann aus unserem Blickfeld verschwunden. Heute haben wir von der NASA erfahren, dass der Komet mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem sogenannten Inner Earth Asteroiden kollidiert sein muss. Das erklärte die blitzartige Entladung am Sternenhimmel vor zwei Jahren, sowie das plötzliche Verschwinden des Kometen. Laut NASA wurde dieses Ereignis vom Auseinanderbrechen des Kometen verursacht. Dieser bestand in erster Linie aus Eis und lockerem Geröll. Die Kollision mit einem anderen Asteroiden wird ihn, aufgrund der geringen Dichte, vollständig vernichtet haben.

Heute gibt die NASA bekannt, dass diese Kollision die Umlaufbahn des Inner Earth Asteroiden verändert habe. Solche Gesteinsbrocken sind wegen ihrer Erdnähe und geringen Reflexion kaum zu erkennen. Dieser Asteroid, mit der Nummer 467229 hat ein Albedo, hat also eine Eigenreflexion, von nur 0,079. Zum Vergleich: Der eisbedeckte Pluto hat eines von 0,52, die Venus von 0,7, die Erde von 0,37. Es gibt Tausende unentdeckter Inner Earth Asteroiden. Die Größe von 467229 wird mit 1200 bis 1800 Metern Durchmesser angenommen. Er wird, soweit es die NASA aufgrund der unvollständigen Datenlage vorhersagen kann, heute Nacht in halbem Mondabstand von etwa 150000 Kilometern die Erde passieren.

Sonja zuckte zusammen, ließ sich aber nichts anmerken. Contenance war seit den Erlebnissen in ihrer Kindheit zu ihrer inneren Haltung geworden. Dieses Hin und Her mit den Reflexionen hörte sich an wie eine Entschuldigung, weil sie das Ding übersehen hatten. Aber zu fragen, getraute sie sich nicht.

Jetzt hatte Richard Stationsschwester Cordula erreicht. Sonja mochte sie nicht. Cordula war hyperaktiv, neigte zu dramatischer Überhöhung und hatte ein rattenartiges, spitz zulaufendes Gesicht. Wenn sie sich unbeobachtet fühlte, scannten ihre braunen Augen die nächste Umgebung ab und kamen erst zur Ruhe, wenn sie einen maskulinen Artgenossen einfingen. Dann redete sie mit einer Vehemenz auf ihn ein, setzte den letzten Muskel zum Minenspiel ein, machte sich größer und betatschte dessen Arm, sooft es eben ging.

Das Unerquickliche für sie war: Sie hatte bessere Zeiten erlebt, als sie jünger gewesen war. Damals hatte sie sich die Männer nach Aussehen und Geldbeutel aussuchen können, doch sie fand an jedem etwas auszusetzen: Zu flau beim Orgasmus, der andere hatte Schweißfüße oder billige Schuhe an denselben und so weiter. Aber seit zwei Jahren kam sie über One-Night-Stands nicht hinaus. Der einzige Mann, der es bei ihr aushielt, war ihr Hund Rico.

Sonja schüttelte leicht den Kopf. In diesem Moment machte sich Cordula an Tillmann Mohr heran. Ausgerechnet an den! Aber bei wem sich das biologische Fenster bald schließt, der schaut eben nicht mehr so genau hin, dachte sie.

Sonja ballte die Hände zu Fäusten, als sie Richard näherkommen sah. Richie hatte Tillmann um dreißigtausend Euro betrogen. Nun stand er unmittelbar neben ihm. Was genau passiert war, wusste niemand. Die einen meinten, Richie habe Tillman beim Poker abgezockt, die anderen sagten, er habe falschgespielt. Der eigentliche Skandal aber war Richards Auftritt beim Empfangsbuffet im Rahmen des jährlichen, deutschen Chirurgenkongresses. Die strahlende Schönheit an seinem Arm namens Sandy war eine Escort Lady, eine Edelnutte. Das Gerücht ging um, Richard finanziere sie mit Tillmanns Geld.

Unfassbar, dass ausgerechnet Richie sie vögeln wollte, schoss es Sonja durch den Kopf. Was hielt der Mann von ihr? Sie war doch keine seiner Edelnutten. Vor einem wie dem rettete sich jedes seriöse Mädchen auf den Baum. Der Kerl war vollkommen schamlos.

Richard nickte Tilli nur zu, als er bei ihm vorbeikam. Der wurde gnadenlos von Cordula neben ihm zugetextet. Sie hatte sich so hingesetzt, dass sie dem Mittelgang und somit Richard den Rücken zuwandte. Während sie sprach, verzog sie den Mund bei jeder Silbe so angestrengt, als müsse jedes Wort einzeln gebacken werden, bis es endlich über ihre Lippen purzelte. Sonja fühlte sich von dem grimassierenden Getue abgestoßen. Soeben machte Cordula eine ausladende Bewegung wie ein Angler, der mit der Größe seines gefangenen Fisches prahlt. Tilli blickte an ihr vorbei in Richards Augen und nickte ebenfalls.

Merkwürdig, diese Art der männlichen Kommunikation. Was dachte der eine über den anderen, wenn sie sich stumm zunickten, obwohl sie sich spinnefeind waren, fragte sich Sonja. Tillmann war ein Gentleman erster Güte. Einmal hatte er ihren Freund Tom bis in die Knochen erschreckt, als er auf dem Klinikparkplatz aus dem Nebel heraus auftauchte, mit einem Deer-Stalker auf dem Kopf, einem Helm, vorn und hinten mit Schild, wie Sherlock Holmes ihn trägt. Da musste Tom schon schlucken. Tilli kam aus gutem Hause, alter Geldadel, munkelte man, und war das genaue Gegenteil eines Schnellaufsteigers wie Tom.

Im Radio spielte man: It’s the most wonderful time of the year von Andy Williams.

Schwester Clara unterhielt sich mit der Stationsassistentin Alexandra über den Mittelgang hinweg. Clara wollte Heiligabend in einem Fitness für MedizinerInnen Studio verbringen. Auf der Frankfurter Zeil biete man diesen Service für Singels an. Die meisten Ärztinnen lebten schließlich alleine.

Aleksandra lachte ein Boxerlachen. Die waren selbst schuld, wenn Frauen diese hohen Ansprüche haben, traut sich doch kein normaler Mann heran. Und Zeit haben diese Ärztinnen auch keine. Jede zweite bis dritte Nacht Dienst, mindestens ein Wochenenddienst im Monat, wenn nicht zwei, das hält doch keine Beziehung aus! Alexandra redete sich in Fahrt. »Und dieser ewige Druck, etwas falsch zu machen! Wenn eine Ärztin einmal frei hat, gehen ihr doch tausend Anordnungen durch den Kopf, zählt in Gedanken die Infusionseinheiten, während ihr Lover auf ihr liegt, sofern sie überhaupt einen hat.«

Da habe sie es als Physiotherapeutin besser, fuhr sie fort. Geregelte Arbeitszeit, klar strukturierte Tätigkeit, keine Nacht- oder Wochenenddienste. Und wenn sie die Nase vom Klinikbetrieb voll haben sollte, konnte sie sich als Selbständige niederlassen.

»Ach Gottchen, haben die Sorgen«, flüsterte Nina Peters ihrer Sitznachbarin Tahira Günay zu.

Nina war verheiratet, hatte zwei Kinder und arbeitete im Sozialdienst der Klinik. Sonja war ihr oft dankbar, weil sie für ihre Patienten REHA-Plätze besorgte. Alle Mitarbeiter waren froh um Nina, weil sie der Abteilung die Bettlägerigen vom Hals schaffte. Wer einen Operationstermin für einen Verwandten oder Bekannten in Hamburg brauchte, oder auch einen Flug zum Mars: Nina organisierte alles. Nina war eine patente Frau. Wenn sie sich unbeobachtet fühlte, ließ sie ihre Brüste bei jedem Schritt ein wenig auf und ab hüpfen.

Tahira arbeitete in der Ambulanz. Sie war Türkin, hatte zwei Kinder, war mit einem Arbeitslosen verheiratet und trug immer ein weißes Kopftuch. Niemand hatte sie je ohne Kopftuch gesehen. Und es gab keine Frau, die dermaßen zotige, säuische, sexistische Witze über Männer erzählen konnte wie sie. Sie ließ sich dann über Schwanzgrößen und weitere Unappetitlichkeiten aus, wie Sonja es von niemandem sonst je gehört hatte.

Jetzt war es geschehen. Richie stand unmittelbar vor ihr und neben Tom. Was sollte sie sagen? Sonja spürte, wie sie errötete und ärgerte sich darüber. Sie hätte trainieren sollen, wie man solche Regungen ausschaltet. Weshalb war sie überhaupt so aufgeregt – mein Gott, was war denn schon passiert? Er hatte mit ihr schlafen wollen. Sie hatte nein gesagt und er hatte es gelassen. Was war es, was Männer wie Katzenminze anzog? Sie schminkte sich nicht, achtete auf ein normales Outfit, parfümierte sich kaum. Sollte sie wie Tahira ein Kopftuch tragen, damit man sie übersieht? Tom meinte, es sei ihr Schmollmund, der die Männer anmache. Dem hielt sie ihre lange Nase dagegen.

»Du bist mir doch nicht böse, Richie?«, sagte sie leise und zog Richard am Unterarm zu sich.

»Warum sollte ich? Weil ich wegen deinem Tom gefeuert wurde oder weil du mich mit einem ekelhaften Rieseninsekt verglichen hast?«

Darauf ließ sie kraftlos den Arm sinken und nahm ihre stoische Pose an. Die einer Indianersquaw, bei der man hinter der Fassade eine Menge altes Wissen vermutet, während einen die Unnahbarkeit verunsichert. Sonja hatte diese Haltung perfektioniert. Was sie fühlte und dachte, ging niemanden etwas an.

Aus den Buslautsprechern trällerte Little Drummer Boy von Roy Black.

»Na, Schildkröte, machst du wieder einmal meine Freundin an?«, schaltete sich Tom ein und starrte auf Richards faltigen, dünnen Hals. Ausgezehrt sah er aus. Angeblich laufe er dreimal im Jahr einen Marathon, erinnerte sich Tom.

Die Schildkröte verzog den Mund und erwiderte spöttisch:

»Gratuliere Tom. Jetzt bist du mich los. Aber so funktioniert nun mal die Evolution, Tom. Du kannst nichts und bist trotzdem Oberarzt. Du bist ein Idiot und hast dir dennoch die tollste Frau geangelt. Du ziehst den humanen Genpool nach unten und wir haben trotz dir das Mittelalter hinter uns gelassen.«

Die tollste Frau geangelt? Er zieht den humanen Genpool nach unten? Sonjas Gedanken überschlugen sich.

Richard spürte, dass er rot vor Wut wurde. Niemand schaffte es, ihn aus dem Stand heraus auf hundert zu bringen, nur Tom. Weiß der Geier, weshalb Sonja das mit sich machen ließ, dachte Richard empört. Tom sah nicht schlecht aus, war ansonsten aber ein großmäuliger Versager, der sich mit dem Geld seines Vaters sponsern ließ. Er hasste ihn abgrundtief.

Wut ist ungesund, sie treibt den Blutdruck nach oben, stört den Schlaf, und ist die feindliche Schwester der Angst, versuchte er sich zu beruhigen.

»Und dich, mein lieber Richie, hätte deine Mutter besser abtreiben und dafür die Nachgeburt aufziehen sollen.« Auch der Schlag saß. Süffisant zog Tom Richard zu sich herunter und flüsterte: »Sonja hat sich ins Höschen gemacht vor Lachen, als du sie vögeln wolltest. Dieses Klappergestell, mit seinen Spinnenarmen erinnert mich an eine riesige Gottesanbeterin, hat sie gesagt. Einmal festgekrallt, kommst du nicht mehr von ihm los. Ich könnt mich wegwerfen vor Lachen.«

»Wenigstens bin ich das am besten operierende Rieseninsekt der Welt, während du nur ein Tomi geblieben bist.«

»Du bist doch gefeuert worden, oder? Weshalb bist du dann hier? Hast du vor, den Chef um Gnade zu bitten? Schmink dir das mal ab. Nur über meine Leiche.«

»Nichts lieber als das!«

Richard krallte die Finger in die Rückenlehne von Toms Sitz und stellte sich vor, es wäre dessen Hals. Tom schob er sich an ihm vorbei zum Heck des Busses, wo die weiteren Mitarbeiter Platz genommen hatten. Am liebsten hätte er den Bus angehalten und wäre davongelaufen. Diese verdammte, überflüssige Weihnachtsfeier, die gefühlt alle neun Monate anstand.

Der Fahrer hatte die Autobahn verlassen und kurvte auf der Bundesstraße einem den Fahrgästen unbekannten Ziel entgegen. Auf dem Fensterplatz neben Tillmann hatte es Cordula geschafft, sich akrobatisch auf der Vorderkante ihres Sessels zu setzen und Tilli ihre volle Breitseite zuzuwenden. Sie gestikulierte mit ausladenden Bewegungen.

»Was das ist, wollen Sie wissen? Das gehört zur Grund-aus-stattung der modernen Frau, Tillmann«, skandierte sie.

»Hm!«

»Ein Walk-the-Shame-Kit.«

Jedes Wort wurde durch eine dezidierte Mundbewegung gepresst.

»Aha!«

»Wenn nach einer wilden Party das Make-up verschmiert und die Haare zer-zaust sind, kann sich Frau damit auf-hübschen. Ich erkläre es Ihnen ...«

Arme Cordula und bedauernswerter Tillmann, dachte Sonja. Sie will sich Tilli angeln, dem sie sakrisch auf die Nerven geht.

Während Sonja sie aus der Ferne bedauerte, war sie froh, ihren Tom zu haben. Sie musste sich nicht mehr prostituieren wie Cordula. Vielleicht würden Richie und sie ebenfalls gut zueinander passen, dachte sie. Immerhin waren sie beide gleichermaßen Verlorene. Aber dann schauderte sie bei dem Gedanken an eine gemeinsame Nacht mit ihm, wie beim Betrachten einer Vogelspinne durch eine dicke Glaswand.

Von hinten hörte sie Boumdien »Tricky Richie« sagen. Er war der Vorzeigeflüchtling der Abteilung. In Algier war er angeblich Chefarzt der Chirurgie gewesen, hier getraute er sich nicht, die Facharztprüfung abzulegen, obwohl er in Richie den besten Lehrmeister hatte, den man sich denken konnte. Ja, Richard war ein trickreicher Operateur, der immer dann zu seiner Höchstform auflief, wenn sonst keiner mehr weiter wusste und das Chaos am größten war.

»Ey, du willst mich doch nicht mit Tom alleine im Operationssaal zurücklassen. Hey Mann, der kann doch nichts. Und Bernauer, na ja, sein sauber gescheiteltes Haar hat schon seit einem Jahr keine Operationsmütze mehr gesehen«, rief Tobi von einem der hinteren Plätze Richard entgegen.

Nicht nur Sonja hielt sich die Hand vor den Mund, damit niemand das Kichern hörte. Professor Bernauer, der Mann mit dem exakten Scheitel, hielt sich aus dem Tagesgeschäft heraus und machte – ja was eigentlich? Der naive Tobi redete sich mal wieder um Kopf und Kragen.

»Den Angeber hab ich zur Sau gemacht«, flüsterte ihr Tom zu. »Wenn er zurück ist, kann er sich aus dem Fenster schmeißen.«

»Es wäre schrecklich, wenn man von seinem Tod im Radio hören müsste.«

»Stimmt auch wieder. Das wäre wie Porno im Radio, har, har, har ...!«

Christmas Time von den Backstreet Boys trällerte es von dort.

 »Hast du eine Ahnung wohin die Reise geht?«, fragte Tobi.

»Weiß nicht. Mir sind die Ziele ausgegangen«, meinte Richard trocken.

»Mann Richie, bist du nicht der Kerl, der mit links eine Pankreaszyste an die Magenhinterwand genäht und sie durch die Magenwand getunnelt hat? Bist du zur Memme geworden, sag mal?«

»In zehn Tagen heißt es für mich aus die Maus. Was glaubst du, wie ich mich fühle?«

»So wie ich mit meinen Zähnen. Hoffnungslos!«

»Du und deine Zähne, Tobi!«, lachte Richard sarkastisch.

»Und jetzt diese verdammten Weihnachtsferien. Die Zahnärzte haben erst ab dem sechsten Januar wieder Sprechstunde. Mein Unterkiefer wird jeden Tag schiefer und keiner will mir glauben!«

»Tobi, du benötigst keinen Zahnarzt, sondern einen Psychotherapeuten.«

»Und weshalb will dann mein Zahnarzt alle Backenzähne rausreißen und durch Implantate ersetzen?«

»Das will sein Geldbeutel!«

Aber es hatte keinen Zweck ihn eines Besseren belehren zu wollen. Seit er Tobi kannte, jammerte der über seine Zähne. Sie stünden schief und verdrillten den Unterkiefer. Richard hatte den Verdacht, dass ihm sein Zahnarzt dieses Hirngespinst in den Kopf gesetzt hatte, das immer monströsere Ausmaße annahm. Er baute sogar seine Urlaubsziele um die dort ansässigen Zahnärzte herum. Von denen war er abhängig wie eine Nierenkranker von der Dialyse.

»Du bist missmutig, Richie. Sag mal, was hältst du von diesem Kometen?«

Tobis sprunghafte hatte etwas Kindliches und sie hatte schon oft für Belustigung gesorgt. Wer ihn kannte, wusste, dass alles, was er sagte, nur ein Aufhänger war, um seine Zahnprobleme in den Mittelpunkt zu stellen. Der Asteroid war nur eine Ablenkung, um in einer gewaltigen Schleife auf sein Lebensthema zurückzukommen.

Richard schluckte seinen Ärger hinunter, weil er Tobi gern hatte. Fast wünschte er sich, der Asteroid würde die Erde treffen, denn damit wären alle alten Probleme dieser Erde schlagartig gelöst. Unvorstellbares Leid würde über die Hinterbliebenen kommen, die die Toten beneiden würden. Aber ein Abstand von hundertfünfzigtausend Kilometer barg keine Gefahr, sagten die von der NASA. Er erinnerte sich daran, dass erst vor einigen Jahren ein Asteroid zwischen Mond und Erde vorbeigeflogen war. Die NASA hatte ihn entdeckt – nachdem er vorbei geflogen war!

Er hatte Tobis Frage fast schon vergessen, deshalb antwortete er lustlos:

»Der Asteroid wird zwischen Mond und Erde vorbeifliegen und sich nicht entscheiden können, ob er der Mond- oder der Erdgravitation folgen soll.«

»Du könntest zum Ausgleich mal was Positives sagen, Richie.« Richard verdrehte die Augen und schloss sie dann. Im Radio wurde Heal the World von Michael Jackson gespielt. »Ich hab mich nämlich für dich eingesetzt und bis zur letzten Patrone kämpft, Richie. Aber auf einen Pausenclown hört man nicht.«

Richard lächelte verhalten. Eher stellte sich ein Hase auf die Hinterfüße als Tobi irgendjemandem in den Weg.

»Den Deutschen ist der Kampf bis zur letzten Patrone nie gut bekommen, Tobi. Und komm mir jetzt nicht wieder mit deinen Zähnen!«

»So, wir sind gleich da!«, rief der Busfahrer fröhlich.

Der Bus verlangsamte seine Geschwindigkeit und fuhr noch ein paar Kurven.

Die Insassen erhoben sich und streckten ihre Glieder. Gepäckbügel klapperten und Kleidungsstücke raschelten beim Überziehen. Hier und da ein demonstratives Gähnen, nicht zu laut, nicht zu leise, gerade so, um den eigenen Unmut über die lange Fahrt zu zeigen. Niemand hatte zwei Tage vor Weihnachten Bock auf diese Herumkurverei. Der Bus nahm eine erneute Biegung, ratterte über einen Bahnübergang und bog dann nach rechts ab. Während alle schon aufgestanden waren und sich den Fliehkräften entgegenstemmten, blieb Sonja sitzen. Beide Arme auf der Handtasche verschränkt, beobachtete sie mit schmalem Lächeln den Kampf der anderen mit der Fliehkraft. Die Straße wurde von einem Backsteingebäude mit einem Förderturm gesäumt. Die nächste Kurve endete an einem fast leeren Parkplatz, auf dem sich nur wenige Autos verloren. Eines davon war eine Stretchlimousine mit Chauffeur, der eine Schildmütze trug und mit verschränkten Armen an der Wagentüre lehnte. Wie immer um die Weihnachtszeit war es warm, weshalb er sich erlauben konnte, im Freien zu rauchen. Er grüßte den Busfahrer, indem er mit dem Zeigefinger an den Schild seiner Mütze tippte. Nach der zweistündigen Fahrt kam der Bus endlich zum Stehen. Die Insassen wurden zum Eingang unterhalb eines zweiten Förderturms geführt, über dem Besucherbergwerk stand.

Sonja beobachtete, wie Richard trotzig sitzen blieb, bis er vom Busfahrer aufgescheucht wurde.

»Sie dürfen nicht im Bus bleiben. Versicherungsrecht.«

Missmutig, mit hochgezogenen Schultern und den Händen in den Hosentaschen, stapfte er auf den Parkplatz. Er fing Sonjas Blick auf, die ihn voll Mitleid beobachtete. Aus dem Inneren der Stretchlimousine plärrten Weihnachtslieder. In der Ferne hörte er Sirenen. In einem Nachbardorf schien die freiwillige Feuerwehr anscheinend zu einem vorweihnachtlichen Umtrunk einzuladen. Tobi blieb als Letzter stehen und winkte Richard, ihm zu folgen.

Der Busfahrer näherte sich dem Chauffeur mit der Mütze. Beide schienen sich zu kennen, denn sie klopften sich auf die Schultern.

»Wir unterbrechen unsere vorweihnachtliche Sendung für eine wichtige Meldung ...«

»Wen kutschierst du um diese Zeit durch die Gegend?«, fragte der Busfahrer.

»Die Ministerin und irgendeinen Kardinal. Privatführung unter Tage, du verstehst?«

Dabei zog er die Stirn in gelangweilte Falten, um zu zeigen, was er von dieser Unternehmung hielt. Dann stellte er das Radio aus.

Richard ärgerte sich inzwischen maßlos, dass er auf die genuschelte Prophezeiung einer Möchtegernwahrsagerin hin mitgefahren war. Und Bernauer wird er nicht umstimmen können. Jetzt stand er hier mitten in der Pampa und fühlte sich bescheuert. Als er Tobis Winken bemerkte, setzt er sich schließlich doch in Bewegung.

Hier oben bei lauwarmem Weihnachtswetter herumzustehen und sich eine Erkältung einzufangen, löste keines seiner Probleme. Er erinnerte sich an einen Schulaufsatz über Johann Peter Hebel. Der hatte einmal beschrieben, wie im Hochschwarzwald zu Heilig Abend um 1800 herum die jungen Mädchen mit Margeritenkränzen auf dem Kopf zur Mitternachtsmette schritten. Offenbar hat der Klimawandel einen langen Anlauf.

Das Foyer war für mindestens zwei Busladungen ausgelegt. Bernauer hatte sich in der Tat nicht lumpen lassen und gleich ein ganzes Bergwerk gemietet. Aber was im Himmel sollte man damit anfangen? Vorne stand ein kompakter Nordafrikaner in weißer Bergmannskleidung, der mit leicht französischem Akzent sprach und Boumdien verschwörerisch zunickte.

»Sie sind für dieses Jahr die letzten Besucher unseres Bergwerkes. Ich heiße Sie im Namen der Geschäftsführung herzlich willkommen. Mein Name ist Abdelazziz Belal. Nennen Sie mich Abdel. Ein Tipp: Stellen Sie sich gut mit mir, denn ohne mich kommen Sie hier nie wieder raus.«

Er grinste angelernt, weil er diesen Satz vor jeder Führung von sich gab. Und verscherzen wollte es sich mit diesem Typ Mann niemand. Mit seinem Grinsen sah er aus wie ein hart gesottener Whiskytrinker an einer Stehbar, mit einer Brust wie ein Flugzeugträger und schinkendicken, tätowierten Armen aber unterdurchschnittlicher Hutgröße. Man hätte ihn für einen türkischen Rocker halten können. Er war aber sicher aus dem Maghreb. Männer wie ihn kannte Richard sonst nur von verschiedenen Clubs in Frankfurt, wo sie als Türsteher arbeiteten.

Abdels kleine Rede wurde kichernd beantwortet. Er führte die Besucher zur Umkleidekabine, wo jeder eine blaue Jacke und einen Helm erhielt. Beides roch nach den Ausdünstungen der Menschen, die vor ihnen da waren. Wahrscheinlich werden die Textilien nur jeweils zwischen den Jahren gewaschen, stellte sich Sonja angeekelt vor.

»Schau an, unser Clown hat es doch noch geschafft«, sagte Tom zu Richard spitz.

Sonja schlug die Augen nieder, als sie Richards Körperwärme neben sich spürte. Rasend schnell ging es nach unten. Dieser Richie kommt immer zum Ärger wie der Funke zum Feuer, sagte sie sich.

»Der Lift bringt uns in 90 Sekunden auf eine Teufe von 500 Metern. Was ist der Unterschied zwischen Tiefe und Teufe?«, fragte Abdel.

»Die Tiefe wird vom Meeresspiegel aus gemessen, die Teufe vom Beginn der Bohrung aus«, beantwortete er seine Frage umgehend selbst. »Sie sind für dieses Jahr die letzten Gäste des Besucherbergwerks und freuen Sie sich auf unsere Weihnachtsausstellung im Konzertsaal in 500 Metern Teufe. Sie wissen sicher, dass die Temperatur pro hundert Meter um jeweils drei Grad ansteigt. Auf den ersten hundert Metern fällt sie erst einmal auf neun Grad ab. Wie viel Grad werden wir in unserem Konzertsaal haben? – neun Grad plus vier mal drei Grad, folglich behagliche einundzwanzig Grad.«

Das waren klare Ansagen einer Pädagogik der alten Schule.

»Konzertsaal?«, fragte Schwester Flora.

Die Geschwindigkeit im Förderkorb hatte etwas von einem freien Fall. Richard dachte darüber nach, was denn so schlimm daran wäre, wenn sie alle abstürzten und zerschmettert unten liegen würden. Für eine Sünde ist es niemals zu spät.

»Oh Mann, Bergwerkskunde scheint kompliziert zu sein«, meinte Vera leise.

»Warum? Bekommst du Kopfweh vom Rechnen«, fragte Tobi.

»Du bist ein primitiver Sexist!«

»Sie sind Ärzte?«, wollte Abdel wissen.

»Mehr oder weniger.«

»Heilpraktiker?«

Seine Frage wurde mit peinlichem Hüsteln beantwortet.

»Was würden Sie sagen, wenn wir Sie für einen Kohlebergmann hielten?«, fragt Tom.

»Dann würde ich Sie unten verhungern lassen«,lachte Abdel.

Der Korb hielt. Eine Metalltreppe führte weiter hinab bis zu einem Schleusentor. Sonja berührte die Felswand, die sich nicht sonderlich warm anfühlte. Aber die 21 Grad Lufttemperatur waren angenehm, wenngleich sie der Gedanke an deren physikalische Ursache ein wenig frösteln ließ.

»Die Schleusentore sind dazu da, um die Bewetterung in die richtigen Bahnen zu lenken und keine Kurzschlüsse zu erzeugen«, erklärte Abdel. »Wir haben zwar eine Menge Wetterschächte, die reichen aber im Normalfall nicht aus, um die Vielzahl der Stollen, Schächte und Sohlen ausreichend zu belüften. Die Gesamtlänge der Stollen beträgt über vierzigtausend Kilometer. Deshalb müssen wir mittels Gebläsen nachhelfen.«

Er öffnete das Tor und ließ die Besucher in einen Raum treten, der so groß wie eine Turnhalle war. Erst schloss er das eine, dann öffnete er das gegenüberliegende Tor. Hinter der Schleuse war ein Parkplatz, auf dem etwa zehn Lastwagen mit offenen Pritschen für die Besucher parkten. Abdel führte sie zu einer kleinen Bucht, in der eine Szene mit Puppen aufgebaut war, die zeigte, wie in früherer Zeit Salz abgebaut wurde. Darin standen zwei beleuchtete Puppen in der Kleidung jener Zeit. Eine schaufelte, die andere stemmte sich mit der Brust gegen einen Handbohrer, und schien seit unendlichen Zeiten an dem Rad an der Seite zu drehen, das mittels einer Übersetzung den Bohrer in Gang setzte.

»Damit wurden Löcher in den Stein gebohrt für die Sprengungen.«

An der Wand standen einige ältere Geräte, ein Einhandpickel, mehrere Schaufeln und alte Grubenlampen. Abdel wählte ein Werkzeug aus.

»Da wir gerade dabei sind, wie nennt man diesen Teil der Schaufel?«

Damit umfuhr er mit dem Zeigefinger die Kanten eines Schaufelblatts. Dann drehte er es um und schlagartig war den meisten klar, was er meinte. Die birnenförmige Rundung mit dem dreieckigen Grübchen oben erinnerte an ...

»Einen Weiberarsch nennt man so ein Blatt.«

Abdel grinste, während er die Schaufel an Clara weitergab, die das Ding ratlos weiterreichte. Dann machte er eine Rundumbewegung.

»Hier befinden wir uns auf dem höchsten Punkt. Wer will, kann sich zum tiefsten Punkt fahren lassen. Dort, auf 800 Meter Teufe, befindet sich eine zauberhafte Kristallhöhle, die vollständig aus Kochsalz besteht. Wie viel Grad wird es dort haben?«

»29 Grad!«, sagte Tom großzügig lächelnd.

Im selben Moment hörte man ein Surren aus der Richtung des Förderschachtes.

»Erwarten Sie noch jemanden?«, fragte Abdel und legte den Kopf schief.

»Keineswegs. Wir sind 17 Personen und wollen keinesfalls mehr werden.«

Bernauer hüstelte über ein Bonmot, das nur er verstand. Meist genügte es ihm, wenn man seiner Spur nach lachte.

»Wir veranstalten hier unten Marathonläufe und Mountainbike-Rennen, Dichterlesungen und Rockkonzerte. Wenn Sie eine abgefahrene Idee für ein Event haben, nur raus damit. Wir realisieren alles.«

Erneut dachte Sonja an Richie, der in seiner Freizeit Langstrecken lief. Ein Marathonlauf zwischen 500 und 800 Metern Teufe, das müsste ein Megahammer für ihn sein. Und als arbeitsloser Arzt hatte er nun für’s Training alle Zeit der Welt.

Sie und Tom bestiegen als Erste die Pritsche eines der Lastwagen. Die anderen folgten den beiden, und Richard hockte sich als Letzter neben Tobi. Abdel war soeben dabei, die Fahrerkabine zu besteigen, als das stationäre Telefon seitlich der Schleuse schrillte. Aus der Ferne waren weitere Telefone zu hören. Für einen Moment blieb er bewegungslos vor der Fahrertüre stehen und zog die Stirn kraus. Der telefonische Rundumschlag verwirrte ihn sichtlich, was wiederum Richard beunruhigte.

Das Böse ist im Tagesgeschehen integriert, sodass man es kaum bemerkt, wenn man keine Sensoren dafür hat, sagte Richard leise. Ein schrillendes Telefon störte nur, mehrere dagegen waren alarmierend. Alle schwiegen, nur das Surren des Förderkorbs in seinen Schienen war zu hören. Einzig Richard sah auf die Uhr. Ohne es zu ahnen, dokumentierte er somit den unmerklichen Übergang von der alten zur neuen Zeitrechnung. Es war der 21. Dezember, 21 Uhr 33. Instinktiv stieg er von der Pritsche herunter, während Abdel zum Telefon an der Wand eilte. Nach einer Weile des Zuhörens brüllte er mit einer sich überschlagenenden Stimme ins stationäre Telefon.

»Was ist denn los? – Beim Allmächtigen.«

***

Gundula Graf saß an ihrem Schreibtisch im Hauptgebäude des Bergwerks. Sie hatte das Licht etwas gedimmt, was ihr Arbeitszimmer in ein gemütliches Orange tauchte. Auf dem Fensterbrett stand ein kleines Weihnachtsbäumchen mit zierlichen bunten Lämpchen. Sie hatte das Radio leise gestellt, denn sie liebte Hintergrundmusik bei der Arbeit. Eigentlich hätte sie längst zu Hause sein sollen. Es war 21 Uhr 25. Doch entgegen den Bestimmungen hatte die Sekretärin die Inventur schon früher im Jahr beenden wollen, genau an diesem Abend des 21. Dezembers nämlich. Gundula war ein Weihnachtsmensch und mit der Inventur im Nacken, hätte sie die Festzeit nicht genießen können.

Soeben sang Louis Armstrong seinen Welthit What a wonderful world im Radio.

Ihr gegenüber saß Hänschen, ihr sechzehnjähriger Bruder. Er litt an Autismus und drehte soeben konzentriert die Steine seines Zauberwürfels in verschiedene Richtungen. Bei dreißig Sekunden lag sein Rekord für die Auflösung. Gundula klappte den Aktenordner zu, stand auf und streckte den Rücken durch. Sie schlenderte ans Fenster und sah, wie der Chauffeur mit einem Busfahrer sprach. Offenbar hatte er den für dieses Jahr letzten Bus mit Touris aus dem Westen hergebracht. Ein Nachzügler schlenderte in Richtung Eingang. Es gibt immer einen, der sich wichtig macht, dachte sie.

»Willst du was essen?«

Hänschen schüttelte nur den Kopf und dreht weiter.

Sie kannte seine Antwort, ohne hinzusehen. Louis Amstrongs Song wurde unterbrochen. Sicher wieder wegen des blöden Asteroiden, Kometen oder Meteoriten, wie immer sich das Ding nennt.

 »Achtung! Wir unterbrechen unsere vorweihnachtliche Sendung für eine wichtige Meldung des Innenministeriums. Die Bevölkerung wird aufgefordert, in den Häusern zu bleiben und sich in Keller oder möglichst in Bergwerkstollen zu begeben. Wie wir aus Minsk erfahren, hat sich die Luft innerhalb weniger Minuten von minus 24 auf plus 27 Grad erhitzt. Man kann dort ein entferntes Rauschen hören, das näher kommt. Der Asteroid droht in der Nähe von Minsk niederzugehen. Die Berechnungen der NASA waren aufgrund der mangelnden Datenlage fehlerhaft gewesen. Ich wiederhole: Der Asteroid wird bei Minsk niedergehen. Bringen Sie sich in Sicherheit, nehmen Sie Proviant und Radio mit. Behalten Sie Ruhe. Sollte der Asteroid aus Eisen bestehen, besteht für Westeuropa keine existenzielle Gefahr. Sollte er aus Gestein sein, wird er in der Atmosphäre explodieren. Die Druckwelle dürfte dann mehrmals um die Erde rasen und nur tief gelegene Gebiete verschonen.

Bringen Sie sich in Sicherheit!

Der Sprecher hielt kurz inne und atmete einige Male tief ein und aus.

 Soeben erreicht uns eine Meldung aus Berlin: Die Bundesregierung erklärt den allgemeinen Notstand.

Vergessen wir angesichts des Armageddons nicht, dass alle Menschen in der Stunde der Not auf Mitmenschlichkeit angewiesen sind.

Diese Mitteilung wird auf allen Sendern automatisch wiederholt und gegebenenfalls ergänzt.

Achtung! Wir unterbrechen unsere vorweihnachtliche Sendung für eine wichtige Meldung ...«

Gundula hatte während der Nachricht das Atmen eingestellt. Proviant, Radio! Wer zum Teufel hatte heutzutage ein Transistorradio? Sie stand stocksteif am Fenster und verglich das friedliche Bild, das sich ihr bot, mit der Meldung. Der Busfahrer steckte sich eine Zigarette an und gab dem Chauffeur Feuer, indem er es ihm mit der geschützten Hand reichte.

Das Vorspiel zu schrecklichen Ereignissen ist oftmals einen lächerlichen Zentimeter weit vom Alltag entfernt.

Erst als sie die Sirenen wahrnahm, brachte sie das Bild und die Meldung in Übereinstimmung und stieß den angehaltenen Atem aus. Ihre Gedanken überschlugen sich. Eine Katastrophe kündigt sich doch an, oder? Die sagen doch, er fliege vorbei. Ungeklärte Datenlage! Das gibt’s heute doch überhaupt nicht mehr. Die Luft innerhalb weniger Minuten erhitzt. Wo ist von hier aus gesehen Osten? Wahnsinn! Dort, am Horizont, tatsächlich, eine orangefarbene Dämmerung, jetzt um 21 Uhr 26!

Das ist echt, das ist verdammt nochmal wirklich echt!

Der rote Knopf! Wo ist der nochmal?

Sie riss die Türe zum Chefzimmer auf und lief um den Schreibtisch ihres Chefs herum, der zu Hause saß und soeben an den roten Knopf in seinem Arbeitszimmer dachte. Gundula tastete blind die untere Schreibtischfläche ab. Wo war dieser verdammte Knopf? Endlich spürte sie ein eiförmiges Gebilde und drückte – aber nichts geschah. Kein Alarm, kein Aufheulen der Sirenen. Sie kniete sich vor die Schreibtischplatte, tastete weiter, fand einen Sicherungsbügel, den sie mit Gewalt wegriss und hieb mit der Faust gegen die Birne.

Langsam liefen die Sirenen an, bis sie nach wenigen Sekunden wie bei einem Grubenunglück heulten. Mit zitternden Händen riss sie den altertümlichen roten Telefonhörer aus Bakelit ans Ohr und wählte eine Nummer. Während sie auf eine Antwort wartete, stampfte sie wütend auf den Boden und gab dem Klingelton dreimal Zeit, dann legte sie den Hörer vor das Radio und stellte auf maximale Lautstärke.

»Hänschen, komm mit mir, augenblicklich.«

»Aber ich hab doch nicht-«.

Gundula packte die Hand ihres Bruders und zerrte ihn hinter sich her.

»Fass mich nicht an!«

»Halt die Klappe, verdammt nochmal. Hier geht es um unser Leben.«

Aber Hänschen wehrte sich, verlor sein Spielzeug, schrie auf: »Mein Zauberwürfel, ich will ihn haben, sofort«, wurde weggerissen, stolperte, Gundula kümmerte es nicht, sie schleifte ihn über den Boden dem gegenüberliegenden Gebäude entgegen.

»Bringt eure Ärsche in Sicherheit, der Komet stürzt ab!«, schrie sie dem Chauffeur und dem Busfahrer zu, während sie ihren kleinen Bruder über die Straße zerrte.

Aber die lachten, als sie den strampelnden Jungen sahen, der von der Frau über den Asphalt gezogen wurde. Plötzlich rasten Autos um die Ecke. Bereits während des Fahrens öffneten sich die Türen, Menschen purzelten heraus, rappelten sich hoch, rannten zum Eingang des Besucherbergwerks, stießen sich mit den Ellenbogen an der Glastür und kämpften um den Vortritt. Gundula kannte sie, denn es waren alles Bewohner ihrer Gemeinde.

»Wir müssen runter in den Berg«, schrie Felix, der Bürgermeister, der aus dem fahrenden Auto stolperte.

Sie sah, wie ein Mann seine Frau aus dem Auto zerrte. Dabei stolperte sie, fiel zu Boden und verlor ihre Krücken. Der Mann stand einen Moment unschlüssig da, blickte auf die Frau am Boden, dann zum Eingang und wieder zurück. Er bückte sich, um ihr aufzuhelfen, hielt dann aber in halber Höhe vor ihr und zuckte zusammen. Hinter ihm schrie jemand:

»Los, los, rein und runter. Nichts wie weg von hier«

Daraufhin löste er sich von der Frau und rannte zum Eingang des Bergwerks. Seine Frau starrte ihm mit schreckgeweiteten Augen hinterher. Sie konnte nicht glauben, dass Pete, ihr sonst so aufopfernder Pete sie im Stich lassen würde.

Zwanzig weitere Einheimische rannten an ihr vorbei. Sie alle hatten ein Ziel: den Förderkorb zu erreichen, bevor er mit den anderen nach unten raste.

Ganz am Ende dieser chaotischen Karawane folgten die beiden Syrer, deren Namen sich Gundula nie merken konnte und die immer abends den Fußboden im Bürogebäude der Bergwerksverwaltung putzten. Der eine war fast zwei Meter groß, muskulös und bewegte sich mit behäbigen, großen Schritten. Der andere war schmächtig und folgte im Windschatten des Titanen.

Gundula beobachtete die Szene und staunte. Der vorbildliche Pete, der seit drei Jahren liebevoll seine an Multiple Sklerose leidende Frau pflegte, ließ sie in der Stunde der Not im Stich, um sich selbst einen Platz im Fahrstuhl zu sichern?

Hänschen riss sich los und rannte zurück zum Bürotrakt. Er hatte nur den Zauberwürfel im Sinn. Gundula hätte ihren Bruder in der Luft zerreißen können.

Aber er wusste es ja nicht besser. Er verarbeitete nur ausgewählte Sinneseindrücke. Die anderen fielen in einen leeren Raum. Wenn er sich jedoch einer Sache widmete, tat er das mit fanatischer Hingabe und kam auf die absonderlichsten Lösungen, die mal verblüfften, mal nicht.

Jetzt jedoch eilte Gundula ihm nach und schnappte ihn, bevor er das Gebäude erreichen konnte. Sie warf ihn wie einen Mehlsack über die Schulter und trug den strampelnden Jungen zum Eingang.

Petes Frau hatte die Treppe zum Förderschacht erreicht und zog sich mit zwei Händen mühsam am Geländer nach oben dem Förderkorb entgegen. Ihre Beine zitterten. Gundula hätte sie zum Fahrstuhl schleppen können. Für eine Person wäre Platz gewesen. Man winkte ihr, endlich zu kommen. Sie riss ihren Blick von der hilflosen Frau los. Die starrte mit aufgerissenen Augen zu ihr hinauf, öffnet den Mund, bat mit schwacher Stimme um Hilfe, aber Gundula drehte sich um und lief zum Förderkorb. Wieder zögerte sie, weil sie ja den anderen Korb nehmen könnte, jenen, der als Gegengewicht zum oberen unten wartete. Fährt der eine runter, kommt der andere hoch. Aber den konnte Petes Frau zusammen mit den anderen aus dem Dorf nehmen, die nach und nach mit ihren Fahrzeugen oder Fahrrädern ankamen. Sie musste ihr den freien Platz nicht überlassen, zumal sie sich ja zusätzlich um ihren Bruder kümmern musste. Jetzt keuchten der Chauffeur und der Busfahrer die Treppe hoch. Sie kümmerten sich ebenfalls nicht um Petes Frau. Aber sie kamen zu spät. Gundula stand näher am Förderkorb und besetzte den letzten freien Platz. Den Bruder trug sie noch immer auf der Schulter. Er strampelte, wehrte sich und wurde von den anderen Mitfahrern an Armen und Beinen festgehalten. Sie kamen alle vom Dorf unten, man kannte sich und jeder kannte Hänschen.

»Der ist ein ganz Spezieller!«, sagten sie über ihn.

Dann fuhr der Korb nach unten. Neunzig Sekunden banges Warten und Hoffen, dass der Meteorit ein Einsehen hatte und sich verspätete oder überhaupt nicht einschlug. Keiner sprach ein Wort. Gundula hatte die abendliche Morgendämmerung am Himmel vor Augen. Jeder zählte für sich die Sekunden. Die meisten Dorfbewohner kannten sich aus, weil sie häufig im Berg waren. Sobald der Nachwuchs auf zwei Beinen stehen konnte, zeigte man ihm die Welt da unten, damit er wusste, wie dünn die Kruste war, auf der er leben wird. Was für die Menschen hier ein lebenslanges, gefährliches Hintergrundrauschen war, war zu einem Hort der Sicherheit geworden.

Runter, runter, geht’s nicht schneller?

Endlich spürten sie wieder die Schwerkraft an den Füßen, weil der Korb abbremste. Die Tür wurde aufgerissen, zwanzig Menschen hetzten die Stahltreppe hinunter dem Schleusentor entgegen, öffneten es, quetschten sich hinein. Obwohl genügend Platz war, rüttelten die Ersten schon am zweiten Tor, das zur Sohle 2 führte.

»Nicht das vordere Tor öffnen, bevor das Hintere geschlossen ist!«, rief Gundula.

Aber die Panik siegte über die Vernunft. Eine Windböe riss das vordere Schleusentor auf, zerquetschte den, der es öffnete zwischen Tür und Wand, riss die meisten von den Füßen nur Gundula nicht, die vom Gewicht ihres Bruders festgehalten wurde. Sie ließ ihn nach vorne rollen und warf sich über ihn auf den salzigen Boden.

Kapitel 2

»Es stimmt nicht, dass irgendjemand oder gar ich Richard gehasst haben«, sagt der runzlige Mann, dessen faltige Stirn nahtlos in die Glatze übergeht. »Auf jeden Fall war er nie einer von uns gewesen. Er war eben jemand, der zur falschen Zeit, am falschen Ort geboren wurde. Beim Frühstück und Mittagessen in der Klinikcafeteria saß er immer allein am Tisch, kerzengerade und abweisend mit einer Zeitung vor dem Gesicht. Einer wie er brauchte keine Gesellschaft. Obwohl er sich selbst genügte, wusste er immer genau, wie Andere tickten. Aber ein Frauenarzt muss keine Frau sein und ein Pfarrer nicht an Gott glauben, und dennoch können sie Hervorragendes auf ihrem jeweiligen Gebiet leisten.

Er erkannte als Erster, worauf das Ganze hinauslaufen würde, während wir unmerklich von der Ordnung ins Chaos glitten. Das lag daran, dass die Zeit und der Ort zu ihm kamen, während es bei uns umgekehrt war. Für viele von uns war er ein Nagel in der Schuhsohle, der stört, verletzt, aber den Schlappen zusammenhält.«

Abdels Minenspiel reichte nicht aus, um das widerzuspiegeln, was Gundulas Radio verkündete. Er musste den Hörer vom Ohr weghalten, weil es auf maximale Lautstärke gestellt war. Wenige Sekunden später spürten seine Wangen etwas, das hier nicht sein durfte: Wind!

Tom sprang als Nächster von der Pritsche. Er hörte Stimmen im Schleusenraum, obwohl dort niemand sein konnte. Ihm folgten Sonja und die anderen.

»Was ist das?«, fragte Tobi voller Furcht.

Gleichzeitig öffnete jemand von innen das fünf Meter hohe und mehrere Tonnen schwere Schleusentor. Die Wucht des aufkommenden Windstoßes schlug es mit einer Urgewalt gegen die Wand. Der Luftstrom rüttelte an den Schachteinbauten und brachte einen nach unten fahrenden Förderkorb ins Schlingern, doch die Seile, die Gegengewichte und die Spurlatten hielten den Korb in der Spur.

In der nach beiden Seiten offenen Schleuse stemmten sich Menschen gegen den Wind und versuchten durch das Schleusentor zu kommen. Aber sie blieben an den Zargen hängen, wurden vom Wind niedergerissen, von anderen wieder hochgezogen und weiter geschleift. Die Hinteren trieben die Vorderen wie eine Planierraupe vor sich her. Die beiden Letzten wurden von der Windböe erfasst und gegen das Metallgitter der Treppe zum Förderkorb geschleudert, wo sie reglos kleben blieben. Und neben sich konnte Richard Abdel sehen, der gegen den Sturm ankämpfte, um nicht in den Schacht gezogen zu werden.

Abdel schrie »Türe zu!«, aber niemand hörte ihn wegen des Lärms. Er wagte nicht, sich dem Tor zu nähern, weil er gesehen hatte, was denen geschah, die dem zentralen Luftstrom zu nahe kamen.

Richard stemmte sich gegen die Wand, um deren Ecke herum der Wind pfiff. Er hatte Glück, weil er im blinden Fleck des Tiefensturms stand. Es mochten über 20 Neuankömmlinge gewesen sein, von denen drei tot oder zumindest schwer verletzt waren. Die Überlebenden pressten Augen und Münder zusammen und krallten sich mich den Fingernägeln im salzigen Boden fest.

Die Menschen schienen überstürzt in den Förderkorb gerannt zu sein. Niemand trug einen blauen Kittel oder Helm. Sie sahen aus, als seien sie aus ihrem Alltag heraus gerissen worden und blindlings losgerannt, um noch in den Berg zu kommen. Eine Frau trug sogar eine Haushaltsschürze, eine andere Lockenwickler. Männern wurden die Hemden vom Oberkörper gezerrt, während sie sich festkrallten, Frauen hielten sich an deren Beinen fest, eine Frau hatte sich auf ihren Sohn geworfen.

Richards Kollegen wurden vom Sturm an die gegenüberliegende Wand gepresst. Sonja wollte sich an Tom festhalten, doch ihr Arm kam nicht gegen die Sturmgewalt an. Sie stand mit dem Rücken zu Richard und dem Gesicht zur Wand. Ihr Zopf wurde nach oben geschleudert und sie sah aus, als hätte man sie am Hals aufgehängt. Sonja war der einzige Mensch, den Richard im Auge behielt. Seltsamerweise erinnerte sie ihn in diesem Augenblick an seinen Vater. Alle standen vor ihm, mit dem Gesicht zur Wand, als wäre er ihr Erschießungskommando.

Tobi zitterte am ganzen Leib. Aus den Augenwinkeln heraus sah Richard Bernauer unter einem Lastwagen liegen. Die sonst so sorgsam gelegten grauen Haare flatterten wie tibetanische Gebetsfahnen unter dem Trittbrett hervor. Plötzlich ertönte ein tiefes Röhren, das vom Wind in den verschiedenen Stollen und Schächten erzeugt wurde. Dieses dumpfe Dröhnen schien in verborgenen Stellen ihrer genetischen Erinnerung verankert zu sein, dort, wo die Angst sitzt.

Schlagartig hörte der Sturm auf. Die beiden ans Treppengeländer gepressten Personen fielen nach unten und blieben leblos liegen. Die am Boden Liegenden bewegten ratlos die Köpfe, einige begannen zu weinen. Richard leckte das Salz von den Lippen, keuchte und merkte erst jetzt, dass er den Atem angehalten hatte. Sonja rieb sich den salzigen Sand aus den Augen.

Plötzlich spürten sie ein kaum merkliches Kitzeln an den Fußsohlen, das in leichtes Vibrieren überging, ein Rütteln – ein archaisches Gefühl, das ihnen die Nackenhaare aufstellte. Kaum jemand hatte dieses Rütteln je zuvor gespürt, aber jeder wusste, was es bedeutete.

Ein Beben in fünfhundert Metern Tiefe, einen Katzensprung vom flüssigen Gestein entfernt! Sonja schloss die Augen, spürte, wie ihr die Luft abgeschnürt wurde und stemmte sich gegen die aufkommende Panik. Abdel brüllte etwas Unverständliches. Richard wäre lieber auf der Stelle gestorben, als später vom Lavastrom gesotten zu werden.

Vorsichtig lugte Sonja um die Ecke, auch sie schien mit einem Lavastrom zu rechnen, der sich orangerot und breiig auf sie zu bewegte. Die Lava hatte alle Zeit der Welt. Hier unten entkam ihr niemand. Doch da war nichts. Sonja sah einige Stofffetzen, die sich an Wandvorsprüngen verfangen hatten. Einen kurzen Augenblick lang meinte sie, ein Lebkuchenherz an der Decke baumeln zu sehen.

Ein plötzlicher Schlag ließ alle zusammenzucken. Es war kein Aufschlagen oder Aufbrechen von irgendetwas, sondern das technische Geräusch eines Kurzschlusses, denn im selben Augenblick gingen die Lichter aus. Gleichzeitig hörten sie das Kreischen von Männern und Frauen, die in einem nach unten fahrenden Förderkorb stecken geblieben waren. »Die automatischen Bremsen!«, schrie Abdel.

Wenige Augenblicke später sprang der Dieselgenerator an und tauchte den Parkplatz in das fahle Licht der Notbeleuchtung. Alles geschah jetzt gleichzeitig. Der Förderkorb setzte sich wieder holpernd in Bewegung. Jeden Augenblick musste er den Ausstieg erreichen. Die Einheimischen stöhnten erleichtert auf, weil sie auf Rettung der Insassen im Förderkorb hofften.

»Die gehören zu uns. Da ist Petes Frau dabei, der Chauffeur, der Busfahrer und viele andere vom Dorf«, schrie Gundula.

»Meine arme Frau!«, schrie Pete. »Sie ist behindert und kann sich nicht selbst helfen.«

Im selben Augenblick spürte Sonja wieder den Wind im Gesicht, aber diesmal aus der entgegengesetzten Richtung. Sie konnten alle schon die Beine der Menschen im ankommenden Fahrstuhl sehen. Dann ein gewaltiges Scheppern des Förderturmes. Plötzlich wurde der gesamte Einbau des Förderschachtes mitsamt dem Förderkorb und den schreienden Menschen wie von Geisterhand nach oben gerissen, als wäre alles aus Pappe. Augenblicklich blies der Wind erneut durch die offenen Schleusentore. Diesmal war Richard der Naturgewalt unmittelbar ausgesetzt, während Sonja und die andern im blinden Fleck standen.

Das Beben wurde stärker. Richard kniete nieder, legte sich auf den Bauch und robbte gegen den Sturm zur Gegenseite, wo er sich an Toms Fuß festhielt. Als der Richards hilfesuchenden Blick sah, stieß er mit dem anderen Bein nach ihm und streifte mit dem Schuh am Unterschenkel entlang, als wolle er ein lästiges Insekt loswerden und anschließend den Dreck von den Stiefeln schaben. Tom schwankte nicht mehr zwischen der klassischen Verpflichtung menschlicher Solidarität und dem Drang zur Selbsterhaltung. Er war sich selbst der Nächste. Richard flehte nach oben, doch der Lärm übertönte jedes andere Geräusch. Unendlich langsam brachte er die andere Hand nach vorn, bekam Sonjas Hosenbein zu fassen und hielt sich daran fest. Sie wehrte sich nicht. Auch dieser Sturm dauerte nur drei Minuten, aber für Sonja, die sich länger gegen den Wind stemmen musste, war es eine gefühlte Ewigkeit. Richard legte sich schwer atmend auf den Rücken. Über ihm glitzerte die Felsendecke. Er fühlte sich zwischen Fegefeuer und Hölle eingeklemmt, genau wie es ihm die Zigeunerin prophezeit hatte.

Als auch das Beben aufgehört hatte, wagte niemand, sich zu bewegen. Viele keuchten, weil sie aus Angst das Atmen eingestellt hatten. Tobi zitterte neben Sonja. Sie hielt die Augen geschlossen, wagte kaum, Luft zu schöpfen, weil sie befürchtete, sie könne damit ein erneutes Losbrechen des Sturmes provozieren. Erst nach und nach reckten die Mutigsten die Köpfe aus dem salzigen Sand und erkundeten misstrauisch die Umgebung.

Pete fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, während er ungläubig den Kopf schüttelte. Er hielt seine Augen weit aufgerissen und schrie: »Meine Frau, wo ist meine Frau?« Dann krallten sich seine Finger in die eigenen Locken, als wolle er sein Hirn ausreißen.

Tom blickte auf den Boden und sah Richard mit geschlossenen Augen und schweratmend neben Sonja liegen. Er trat mit dem Schuhabsatz auf einen von Richards Fingern und drehte ihn darauf um 90 Grad, wie man eine brennende Zigarette austritt. Richard schrie auf vor Schmerz. Sein Schrei war ein Weckruf an die anderen, die sich seltsam wortlos erhoben und sich unsicher umschauten.

»Haben wir die Katastrophe überlebt oder sind wir noch mittendrin?«, fragte einer der einheimischen Neuankömmlinge.

Richard nickte Sonja dankbar zu, aber sie sah mit einem leeren Blick durch ihn durch.

Bernauer kroch unter dem Lastwagen hervor und hatte wieder seinen schnurgerade gezogenen Scheitel.

Eine der Frauen begann laut zu weinen und steigerte sich in ein hochfrequentes Greinen hinein, das an einen galizischen Dudelsack erinnerte.

»Meine Kinder sind da oben. Ich muss zu ihnen, sie sind doch noch so klein«, schrie sie immer wieder.

Pete nahm sie in den Arm und strich ihr über’s Haar. Gemeinsam mit Abdel gingen sie zum Schacht hinüber, wo er mit der Taschenlampe das Innere ausleuchtete. Man sah abgeknickte T-Träger, herausgerissene Kabel und Spurlatten, aber keine Spur von Menschen, geschweige denn Blut.

»Der Korb ist weg, einfach so. Da waren Leute von unserm Dorf drinnen. Und meine Frau«, sagte Pete ungläubig.

Er blickte mit offenem Mund nach oben in der Hoffnung, wenigstens irgend eine Spur zu sehen. Aber da war nur Zerstörung und die grausame Erinnerung an die hilflose Frau auf dem Parkplatz mit den Krücken auf dem Boden. Abrupt kehrte er dem Schacht den Rücken und schüttelte sich.

Sonja untersuchte Richards Finger und entschuldigte Toms Verhalten.

»Da gibt es nichts zu entschuldigen, Sonja. Wem die Stunde schlägt, dem entfleucht halt die Moral vor der Seele. So sind wir Menschen nun mal.«

»Kann mir mal jemand sagen, was da eigentlich passiert ist?«, schrie Vera gellend.

»Wir sollten uns zuerst um die Verletzten kümmern«, sagte Bernauer, ohne jemanden dabei anzusehen.

»Klar, wir schaffen das«, sagte Richard sarkastisch. »Seltsam, wie elegant so ein Wir von Verantwortung befreit, indem man sie auf unbestimmte Dritte überträgt.«

»Anstatt zu philosophieren sollten Sie sich lieber mal den Horst ansehen«, rief einer der Einheimischen.

Richard eilte zu dem Reglosen, der von der Türe eingequetscht worden war. Er fühlte nach der Halsschlagader, fand jedoch keinen Puls. Als er den Brustkorb von Horst berührte, fühlte er sich wie eine wabbelige Masse an. Sämtliche Rippen waren gebrochen. Es hatte keinen Sinn, sich weiter um ihn zu kümmern. Der Mann war tot.

Die beiden Männer, die gegen das Gitter geschleudert worden waren, hatten unzählige Rippenbrüche mit Lungendurchspießungen erlitten, an denen sie jämmerlich erstickten. Auch hier kam jede Hilfe zu spät.

Boumdien und Tobi bahrten die Toten in der Schleuse auf und schlossen die Tore. Dieser Schacht wird für alle Zeit von einem Friedhof bewacht werden. Für einen Moment hatte Tobi sogar seinen verdrillten Unterkiefer vergessen.

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